Der Ausguck hat es in sich: von der äußersten Spitze des Turms der Schlosskirche bietet sich durch einige Luken ein schöner Rundblick in die Umgebung - aber eben auch auf den 30 bis 40 Meter entfernten alten Schornstein auf dem Gelände der Kulturgießerei, der seit Jahr und Tag als Storchenhorst dient. Am 11. April ist der männliche Storch eingetroffen, zwei Tage später das Weibchen, sagt Wolfgang Cajar vom Naturschutzaktiv, der die Störche beobachtet. Und sie bekamen einen Jungstorch, der auch am Dienstag noch auf dem Horst thronte. Von der Größe zieht er fast schon mit den Altstörchen gleich - aber "an seinem schwarzen Schnabel ist er immer noch zu erkennen", sagt Cajar. Das Naturschutzaktiv hofft, demnächst ein Schöneicher Storchen-TV ins Leben zu rufen: Der Verein sammelt Geld für eine hochauflösende Kamera, die in der Spitze des Turms montiert werden und über einen Laptop die Bilder ins Internet übertragen soll. "Die Gemeinde übernimmt den Internet-Anschluss, eine Firma macht die Verkabelung für uns, einen Laptop haben wir selber." Was fehlt, ist die Kamera. Die kostet 2000 Euro, 1000 stiftet der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, 500 hat das Naturschutzaktiv aus anderen Quellen - und 500 werden noch gebraucht. Der Verein nimmt jede Spende dankend entgegen (Tel.: 030 6498343).
Auch in Neu Zittau haben die Jungstörche überlebt, zwei an der Zahl. Das ist aber in vielen Gemeinden in der Region ganz anders - in Spreenhagen zum Beispiel.
Dort haben die Mitarbeiter der Amtsverwaltung einen perfekten Blick auf ein nahes Storchennest. Im April seien die Störche wiedergekommen und hätten drei Junge bekommen, sagt Anika Lippmann aus der Buchhaltung. "Sie waren schon relativ groß geworden und wir haben gewartet, dass sie endlich anfangen zu fliegen." Richtig euphorisch sei das Amt gewesen, schließlich hatten die Störche bereits in den vergangenen Jahren Pech mit ihrem Nachwuchs. Doch dann kamen die großen Regenfälle. "Danach haben wir die Jungen nicht mehr gesehen", sagt Anika Lippmann. "Es sollte wohl einfach wieder nicht sein."
Ähnlich ist die Situation in Falkenberg im Odervorland. "Unsere drei Jungtiere waren schon richtig groß", sagt Katrin Hausburg, die seit Jahren einen perfekten Blick auf den Horst an ihrer Scheune in Falkenberg hat. "Doch dann kam das letzte Wochenende im Juli mit Dauerregen. Die Jungestörche haben wir nicht mehr gesehen, sie sind tot." Ob sie oben liegen oder rausgeworfen und von Tieren weggeschleppt wurden, weiß sie nicht. "Die Altstörche sind noch da, fliegen umher, suchen Futter, haben sich gepaart. Aber Nachwuchs wird es dieses Jahr nicht mehr geben", sagt sie.
Auch in Beerfelde hatte man Pech. Wie Ortsvorsteher Hort Wittig erklärte, sei das seit über 100 Jahren rege genutzte Nest am Anger vor einigen Tagen runtergekippt, hat die vier Jungstörche unter sich begraben - Totalausfall. Ebenfalls vermisst werden die beiden Jungtiere auf dem Schornstein in Briesen. "Wir wissen nicht, ob die Kinder in den Schacht gefallen sind, die Eltern sind jedenfalls irritiert und weg", sagt Birgit Dükert vom Bauamt gegenüber. Das Thema sei gerade Dorfgespräch - daher wusste sie noch zu berichten, dass auch in Pillgram alle drei Kinder im Nest an der Dorfaue ertrunken sind und auch in Sieversdorf der Nachwuchs tot sei.
Die hohen Ausfälle bestätigt auch Lutz Ittermann, der Fachmann für den Artenschutz in der Kreisverwaltung. "Ein Nest ist kein lockeres Geflecht, es verdichtet sich bei großer Nässe. Dadurch fließt kein Wasser mehr ab", so der Artenschutzbeauftragte am Dienstag. Entweder überleben die Jungstörche oder nicht - sie ertrinken oder sterben an Unterkühlung. "Die Ausfälle bei den Jungstörchen zieht sich durch die gesamte Region", so Ittermann und benennt Totalverluste für Müllrose und Ahrensdorf. In seinem Dorf, in Neuendorf, sei auch ein Storchenkind rausgeworfen worden, auch währte die Freude über Störche am Behlendorfer Reiterhof Zehe nur kurz - alle tot. "So ist Natur, nur die stärksten überleben. Das erhält auch die Art gesund. Man muss die Toten auch nicht aus dem Nest rausholen." Die Alttiere würden sich arrangieren - die Kadaver rauswerfen oder darüber einfach ihr Nest höher bauen. "Sie bleiben am Nest, kopulieren erneut, das stärkt die Paarbindung, ehe sie Mitte August gen Süden fliegen", so Ittermann, der jüngst in Steinhöfel ein herausgefallenes Storchenkind abholte - es starb.
1992 sei der Sommer ähnlich gewesen, vor sieben Jahren geschah das Drama eher, waren die Jungtiere noch kleiner in der Entwicklung. "Jetzt dachten wir, sie sind aus dem gröbsten raus." Normal wären in der Region zwei bis drei Jungtiere pro Paar, nun hofft er, dass wenigstens die Hälfte durchkommt. "Die Saison-Bilanz steht aber noch aus."