Wenn Katrin Gerstenberger die Tür zu ihrem kleinen Atelier öffnet, strahlt ihr kirschroter Lippenstift mit der roten Schleife an ihrem Tuch und den unzähligen weißen Pünktchen auf ihrem Pullover um die Wette. Alles ist aufeinander abgestimmt. Die 32-Jährige mag es farbenfroh und individuell.
Das ist auch das Konzept ihres Labels Miss Nadelöhr, mit dem sie seit dem Jahr 2012 ihr Geld verdient."Kreiere Deine Sachen selbst", lautet der Slogan, unter dem sie Beutel, Taschen, Pumphosen, Schultüten, Röcke, Pullover und mehr entwirft.
Gerade liegt Stoff für einen Beutel auf der Arbeitsfläche. Die Buchstaben T, I und M für den Namen sind schon fertig. Zum Beutel gehört eine Tasche. Beides ergibt ein Kita-Set. Dessen Grundpreis beträgt 29 Euro. "Ich beginne recht niedrig, damit sich auch Familien mit nicht so viel Geld die Sachen leisten können", sagt Katrin Gerstenberger, selbst Mutter von zwei Kindern. Für jeden Buchstaben und jedes Motiv nimmt sie einen Aufpreis.
Dass sie mal mit ihrer eigenen Kollektion Geld verdienen würde, hätte die gelernte Zahnarzthelferin selbst nicht gedacht. "Mit dem Nähen habe ich angefangen, nachdem meine Tochter geboren wurde", sagt Katrin Gerstenberger. Das war im Juli 2011. Die junge Frau wollte das Zimmer des Mädchens mit Kissen verschönern. Sie hatte die alte Nähmaschine ihrer Oma, aber keine Ahnung vom Nähen. Über Videos auf der Internet-Plattform Youtube eignete sie sich Wissen an, übte und probierte. Die Ergebnisse fanden reißenden Absatz bei Familie und Freunden. "Da musst Du was draus machen", dachte sich Katrin Gerstenberger - die Idee vom Unternehmen war geboren. Ohnehin wollte sie die Abende künftig lieber mit den Kindern verbringen, statt als Zahnarzthelferin Spätschichten zu arbeiten.
Ende 2011 gründete sie Miss Nadelöhr, nutzte die Elternzeit, um am Konzept zu feilen und meldete ein Nebengewerbe an. Online-Shop und Flyer entstanden. "Und dann habe ich Türklinken geputzt", sagt Katrin Gerstenberger. Geschäfte in Woltersdorf und Berlin nahmen ihre Produkte auf.
Ende 2012 sollte der endgültige Schritt in die Selbstständigkeit folgen. Katrin Gerstenberger meldete ihr Neben- zum Hauptgewerbe um. Mit einem Unternehmensberater hatte sie einen Business-Plan erarbeitet, den sie bei der Arbeitsagentur vorlegte, um Existenzgründerzuschuss zu beantragen. Dort stieß sie auf Ablehnung, weil sie als Zahnarzthelferin gute Chancen hatte, eine Anstellung zu finden. Katrin Gerstenberger schrieb einen Widerspruch, legte einen Flyer mit ihren Produkten bei und listete einen weiteren Laden auf, der inzwischen die Sachen anbot. Mit Erfolg. Der Zuschuss floss. Das Geld half, die Anfangsphase zu überbrücken.
Heute stehen drei Nähmaschinen im Atelier. Stoffe türmen sich in hohen Regalen. Die Auftragslage ist gut. Rund eine Woche nach der Bestellung verlässt das fertige Produkt den Laden. Nur zur Einschulung gibt es Nachtschichten. Die Produktion der Schultüten läuft bereits wieder. Selbstgedrehte Rohlinge erhalten eine Hülle aus Stoff. Ab 42 Euro gibt es die großen Tüten, deren Hülle sich später mit Watte ausgestopft als Kissen nutzen lässt. Praktisch will Katrin Gerstenberger ihre Produkte gestalten. So wie die Bauchtasche, die eher einer Mischung aus Minirock und Kellnerschürzchen ist. Auch ein großes Dreieckstuch, dessen Zipfel mit einer Schleife gebunden werden, hat es gerade zur Marktreife gebracht. Katrin Gerstenberger schlingt es sich um den Hals und strahlt. Die Arbeit macht ihr Spaß. Manchmal muss sie sich zwingen, die Kinder dennoch früh abzuholen. Einen Mitarbeiter einstellen möchte sie aber nicht. "Jetzt bin ich Kleinunternehmer und zahle keine Umsatzsteuer", begründet sie. Diese Abgabe würde sie ungern auf ihre Kunden umlegen. Einen Traum träumt Katrin Gerstenberger aber doch: "Ich möchte einen eigenen Laden mit Café und Kinderspielecke haben", sagt sie.