Zum Holocaust-Gedenktag haben Sie im Rathaus vor den Stadtverordneten eine bewegende Rede gehalten...
Erhard Stenzel: Man sagt, es war die beste, die ich je gehalten habe.
Ihren persönlichen Bezug zu dem wichtigen Thema sparten Sie leider völlig aus. Deshalb die Frage: Was hat Sie selbst am tiefsten getroffen?
Stenzel: In der Nacht zum 2. Mai 1933, ich war damals acht Jahre alt, fing alles an. SA und Polizei holten meinen Vater aus dem Bett, prügelten ihn die Treppe runter und schafften ihn zusammen mit anderen Freiberger Kommunisten in ein geheimes Lager. Im Oktober 1944 wurde er im KZ Buchenwald umgebracht.
Was widerfuhr Ihnen persönlich sonst alles noch?
Stenzel: Der SA-Sturmbannführer, der meinen Vater fast tot prügelt hat, war mein Klassenlehrer. Der hat mich am nächsten Morgen sofort von meinen Kameraden völlig isoliert. Als ich später Soldat wurde, musste ich einen verschlossenen Briefumschlag abgeben. Danach wurde ich, immer wenn ich verlegt wurde, sofort bloßgestellt und stigmatisiert. Am 3. Januar 1944 ging ich in Rouen als Oberschütze vollbewaffnet in den Widerstand. Was sehe ich , als ich nach dem Krieg wieder daheim eintreffe? Ein Fahndungsplakat: “Deserteur! In Abwesenheit zum Tode verurteilt“. Und wer war der Leiter der Lebensmittelkarten-Ausgabestelle? Mein ehemaliger Lehrer und SA-Obersturmbannführer! Ziemlich spät beschloss der Bundestag, mein Todesurteil und viele andere aufzuheben.
Sie haben bereits in über 40 Schulklassen die Gefahr des Faschismus aufgezeigt. Wie halten Sie sich fit, um weiter als Zeitzeuge aufzutreten?
Stenzel: Ich bin dem Tod zwei-, dreimal von der Schippe gesprungen. Ein Arzt sagte zu mir nach einer Wiederbelebung: „Mensch, haben Sie eine Kondition!“ Ich gehe viel an die frische Luft. Mein kaputtes Bein reibe ich mit Schmerzgel ein. Das bezahlt die AOK aber leider nicht. Ende des Monats bin ich in Elstal auf Einladung der Lehrer schon wieder in einer Schulklasse.
Was wird, wenn Sie mal nicht mehr sind?
Stenzel: Schwer zu sagen, schwer zu sagen. Zwei Drittel der Mitglieder meiner Partei sind schon recht alt. Deshalb setze ich auf die mittlere Generation. Im Kampf gegen die Neonazis vertraue ich auf das starke Bündnis gegen Rechts.
Sollten Sie nicht dringend ein Buch schreiben?
Stenzel: 120 Seiten habe ich schon. Es fehlen nur noch die letzten 20 Jahre.
Was wird wohl im Klappentext stehen?
Stenzel: Spannend, verrückt, außergewöhnlich.
Wie wird am heutigen Sonntag gefeiert?
Stenzel: In kleinem Kreis. Es ist ja kein runder Geburtstag.