„Endlich wieder ein Stammtisch.“ Der Satz war gleich mehrfach und mit tiefer Erleichterung in den Stimmen zu hören. Die havelländischen Landfrauen trafen sich, nach langer Corona-Pause, nun wieder zum ersten Mal. Freudiges Wiedersehen und ernsthafte Gespräche, denn zum Stammtisch war auch Nadja Cerulies geladen. Sie las aus dem Buch „Glanz ohne Gold“, ein kleines Bändchen, in dem 15 Lebenswege von Brandenburger Frauen nachgezeichnet sind.

Mit Nadja Cerulies über Armut sprechen

Die Unternehmensberaterin Nadja Cerulies ist auch im Demokratischen Frauenbund aktiv. 2019 reist sie quer durch das Land auf der Suche nach Frauen, die in Armut leben und darüber zu sprechen bereit sind. Mit der Aktion „Wir brechen das Schweigen - Brandenburger Frauen sprechen über Armut“, erreichten die Akteure viele unterschiedliche Frauen im Land, 15 der von ihnen erzählten Geschichten fanden Eingang ins Buch.
Das Besondere dabei: Die Frauen konnten sich aussuchen, in welchem Format ihr Schicksal erzählt wird. Als Krimi, Abenteuer, Fabel, Märchen, Theaterstück, alles war drin. Das gibt den Geschichten etwas Unwirkliches und gleichsam Rühriges, denn die Frage, für welches Format sich die Frauen entschieden haben, ist durchaus aufschlussreich.

Frauenschicksale aus Brandenburg

Was die Frauenschicksale eint, sie stammen alle aus Brandenburg und leben in materieller Armut. Viele sind schon weit in ihre zweite Lebenshälfte eingetaucht, andere noch jünger und doch beschreiben sie alle den gleichen Mangel. Hunger oder Obdachlosigkeit spielen dabei keine große Rolle. Dafür Angst, vor der dem Morgen und der Wunsch, einmal nicht zu sehr auf Geld achten zu müssen, sich etwas gönnen zu können.
Die Landfrauen tauschen sich hinterher über das Gehörte aus. Einige von ihnen erzählen von den schwierigen Zeiten in ihren Biografien. Gerade die Generation 50 Plus hat die Nachwendejahre nicht nur in positiver Erinnerung. Wenn Jobs verloren gingen, Betriebe in der Umgebung schlossen und trotz fundierter Ausbildung keine Arbeit zu finden war.

Berufliche Chancen sind heute besser

Diskutiert wird über die Schicksale von Frauen, die im landwirtschaftlichen Betrieb ihres Ehepartners mitarbeiteten, harte und lange Tage erlebten und am Ende auf einer winzigen Rente sitzen bleiben. Und über die beruflichen Chancen heute. Die sind deutlich besser geworden, befinden die jüngeren Landfrauen.
Landfrau sein, hat übrigens nicht zwingend etwas mit Landwirtschaft zu tun. Nicht alle Landfrauen leben auf einem Bauernhof. „Landfrauen sind Frauen, die sich mit dem Leben auf dem Land identifizieren“, sagt Antje Schulze, Schriftführerin bei den Landfrauen Havelland. Mehr zu den Landfrauen auf www.landfrauen-hvl.de. (sp)