Bei der Podiumsdiskussion zum Thema Bildung, zu dem der Kreiselternrat Havelland (KER) am vergangenen Freitag in die Falkenseer Kant-Gesamtschule geladen hatte, boten die anwesenden Politiker nahezu unisono an, nach der Landtagswahl die langjährigen Forderungen der Eltern endlich zu erfüllen. Es bleibt abzuwarten, was davon tatsächlich umgesetzt wird.
In den Jahren 2011 bis 2013 hatte der Bund ein Projekt für Schulsozialarbeiter finanziert, das auch in Brandenburg großen Anklang gefunden hatte. Der Landeselternrat (LER) hatte immer wieder eine Anschlussfinanzierung auf Landesebene gefordert, war aber bisher auf taube Ohren gestoßen. Anke Bienwald, Sozialarbeiterin des Mikado e.V., erläuterte den anwesenden Politikern von SPD, CDU, FDP, Grünen, Linken, Piraten und BVB/Freien Wählern die Notwendigkeit von Schulsozialarbeitern an allen Schulen, unabhängig von der Schulform. Denn Probleme wie beispielsweise häusliche Gewalt könnten schließlich jeden treffen. "Beim Jugendclub müssen die Jugendlichen erst zu mir kommen. Aber in die Schule gehen sie sowieso." Somit wäre dort die Hemmschwelle, sich einem Sozialarbeiter anzuvertrauen, deutlich geringer. Der LER-Vorsitzende, Wolfgang Seelbach, forderte jeweils einen Mann und eine Frau pro Schule. Es sei auch wichtig, nicht bereits beschäftigte Sozialarbeiter aus anderen Stellen wie Jugendclubs oder ähnlichem abzuziehen, sondern tatsächlich neue Stellen zu schaffen. Bei ein bis zwei Mitarbeitern pro Schule würde dies jährlich etwa 38 bis 76 Mio. Euro kosten, kalkulierte Andreas Büttner, bildungspolitischer Sprecher der FDP. Die anwesenden Politiker waren sich im Großen und Ganzen darüber einig, dass dies sehr sinnvoll sei und sich bei einem jährlichen zu erwartenden Steuereinnahmen-Überschuss von 300 bis 500 Mio. Euro im Land Brandenburg bequem finanzieren lasse. Alle versprachen, sich für die Einstellung von Schulsozialarbeitern an Brandenburger Schulen einzusetzen. Torsten Gärtner (BVB/Freie Wähler) fragte sich, warum SPD und Linke dies dann nicht schon längst in die Tat umgesetzt haben: "Was habt ihr denn die letzten fünf Jahre gemacht?" Der Falkenseer ASB-Chef, Ulf Hoffmeyer-Zlotnik, wies auch auf den großen Mangel an Sozialarbeitern in Brandenburg hin, seitdem das Studienfach in Potsdam abgeschafft worden sei. In den Berliner Speckgürtel könne man noch Fachkräfte aus Berlin anwerben, aber in Rathenow oder Templin bekäme man niemanden, gab er zu bedenken.
Unterrichtsausfall ist ein weiterer Knackpunkt. Im vergangenen Schuljahr gab es laut Büttner mehr als 4.000 Fälle in Brandenburg, in denen in einzelnen Fächern keine Zeugnisnoten verteilt werden konnten, da der Unterricht zu oft ausgefallen war - und dies auch in Hauptfächern wie Deutsch, Englisch und Mathematik. Zwar wurden zum neuen Schuljahr etwa 900 neue Lehrer eingestellt, doch decke man damit gerade mal die vielen altersbedingten Ausschiede sowie die tarifliche Reduzierung der Unterrichtsstunden für Lehrer. Um die sogenannte Vertretungsreserve von derzeit vier auf sechs Prozent zu erhöhen, müssten etwa 1.400 neue Lehrer eingestellt werden, monierte er. Derzeit finde Teilungs- und Förderunterricht häufig gar nicht statt: "Die SPD lässt zu, dass die Schwächsten keine Förderung bekommen."
Und dann kam das Thema Inklusion, bei dem es für die brandenburgische Bildungsministerin, Martina Münch (SPD), von allen Seiten Kritik hagelte. (Sie war der Veranstaltung in weiser Voraussicht ferngeblieben.) Die Ministerin hatte in einer äußerst umstrittenen Entscheidung die Schließung aller Förderschulen in Brandenburg zunächst für das Jahr 2015 angekündigt und dann auf 2019 verschoben. An sich sei Inklusion (also die gemeinsame Unterrichtung von Schülern mit und ohne Behinderung) eine gute Sache, wie man am Beispiel Islands sehe könne, erläuterte Marie Luise von Halem, bildungspolitische Sprecherin der Grünen. Wer mit behinderten Kindern zusammen zur Schule gegangen sei, hätte keine Berührungsängste und würde als Unternehmer auch Menschen mit Behinderung einstellen. Doch Münchs Inklusions-Plan sei "völlig konzeptlos, ohne die mitzunehmen, die es dann durchführen", so von Halem.
Davon kann auch Martin Hasselbach ein Lied singen. Anderthalb Jahre hat er mit den Behörden gekämpft, um für seinen behinderten Sohn einen Platz in einer regulären Grundschule zu bekommen. Nun gibt es Probleme mit dem Hort. Dem Kind stehen dort maximal zehn Minuten Förderung am Tag zu. Da das Kind aber ständig beaufsichtigt werden muss, müsste es bereits nach zehn Minuten wieder abgeholt werden. "Es gibt kein Konzept um herauszufinden, welchen Förderbedarf ein Kind hat", beklagte sich Hasselbach. Gärtner vermutete, dass die Schließung der Förderschulen im Namen der Inklusion nur dazu dienten, "Geld zu sparen auf dem Rücken der Kinder".
Büttner wies darauf hin, dass Inklusion bisher nur für Grundschulen geplant sei. Dort würden 400 Pädagogen nur für die Inklusionsarbeit benötigt.
Kerstin Bachmann, Rektorin der Oberschule Falkensee, wies darauf hin, dass Schüler mit sozial-emotionalen Behinderungen deutlich schwerer in reguläre Schulen zu integrieren sind als solche mit rein körperlichen Behinderungen:
"Wenn solch ein Schüler einen Wutausbruch hat, der die volle Aufmerksamkeit eines Pädagogen braucht, um den Schüler zu beruhigen und Verletzungen zu vermeiden, dann findet in dieser Zeit kein Unterricht in der Klasse statt."Hierfür seien die Schulen bisher nicht gerüstet.
"Münch hat keinen Plan für die weiterführenden Schulen. Ich muss ein Gesamtkonzept haben. Es war ein massiver Fehler, den Ministerin Münch gemacht hat", schimpfte Büttner und erntete lauten Applaus.
Podiumsdiskussion zum Thema BildungFoto: Jahnke