Es gibt Bilder, die man nur schwer ertragen kann. Das Elend der Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos zum Beispiel. Die rund 13.000 Flüchtlinge im Lager Moria lebten unter menschenunwürdigen Umständen, noch bevor Feuer das Lager zerstörten. Auch das Tauziehen um die Frage, welches Land in Europa Flüchtlinge aufnehmen könne und wie viele, dauert an. Für manche Menschen ist dieses Schachern um Menschenleben nicht länger erträglich - so geht es auch den Schülern, Lehrern und Eltern am Nauener Leonardo-da-Vinci-Campus.

Da-Vinci-Campus schreibt Brief ans Innenministerium

Irene Petrovic-Wettstaedt, Pädagogische Gesamtleitung am Leonardo-da-Vinci-Campus im havelländischen Nauen, wollte nicht tatenlos zusehen. Sie schrieb einen Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU) - im Namen der Schüler, Lehrer und Eltern: „Sorgen sie dafür, dass wir uns nicht für die fehlende Hilfe unseres Landes schämen müssen. Wir sehen uns unserer Vergangenheit verpflichtet“, heißt es darin.

Humanistische Werte im Leitbild

Der Leonardo-da-Vinci-Campus hat ein auf humanistischen Werten gegründetes Menschenbild. Im Leitbild verpflichtet sich die Schule, Hass und Rassismus couragiert entgegenzutreten. Außerdem wird in dem Brief gefordert, dass der Innenminister sich den Forderungen des Entwicklungsministers Gerd Müller (CSU) anschließen möge. In einem Interview mit der ARD hatte Müller eine „Koalition der Willigen“ für die EU eingefordert und sich für die Aufnahme von 2.000 Flüchtlingen in Deutschland ausgesprochen.
Petrivic-Wettstaedt stellte den Brief ihren Schülern in der sogenannten Schüler-Sprecher-Konferenz vor, erzählt die 16-jährige Pia. Die Schülerin nahm an der Konferenz teil. „Wir stimmte darüber ab und alle waren dafür“, sagt sie weiter. Einige der Schüler meldeten sich, um den Brief nach Berlin ins Bundesinnenministerium zu bringen und dort zu überreichen.

Von der Nauener Platte in die Hauptstadt

Montagmorgen, 8 Uhr, sind die fünf Schüler und Schülerinnen pünktlich am Bus der Schule. Am Steuer sitzt Natascha Grünberg, am Campus für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Die Fahrt beginnt und noch bevor der Bus auf die nahegelegene Bundesstraße 5 abbiegt, ist klar, den drei Mädchen und zwei Jungen ist die Fahrt nach Berlin eine Herzensangelegenheit, auch wenn sie sich nicht allzu viel davon versprechen. Ganz sicher wird nicht der Innenminister zu ihnen vor die Tür treten. Aber vielleicht einer seiner Referenten oder wenigstens ein Praktikant. Denn die fünf Delegierten fahren ohne Termin oder Einladung nach Berlin.

An der Schule lernen auch Flüchtlingskinder

In der Schule in Nauen lernen auch Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien. Die ersten der Neuankömmlinge sind bereits mit Schulabschluss oder Abitur in der Tasche auf dem Weg in den beruflichen Einstieg. Einer lässt sich gerade zum Physiotherapeuten ausbilden, ein anderer lernt Friseur, ein weiterer ist in der Ausbildung zum Lokführer.
Pia erzählt, in ihrer Klasse sind drei Kinder von geflüchteten Familien. Außer dass man dies eben weiß, fallen die Mitschüler nicht weiter auf, büffeln, wie die Anderen, für ihre Abschlüsse. Die ebenfalls 16-jährige Jolina stimmt ihr zu. „Die Flüchtlinge sind heimatlos, hier wäre Platz“, sagt der 18-jährige Yves. Alle Fünf würden sich wünschen, dass ihre Heimatstadt Nauen das auch so sehen würde.

Schüler erinnern sich an abgebrannte Turnhalle

„Es gibt Kommunen, die Flüchtlinge aufnehmen wollen. Nauen gehört leider nicht dazu. Hier sollten vor einigen Jahren mal Flüchtlinge kommen und dann brannte die Turnhalle, in die sie untergebracht werden sollten, ab“, sagt Pia. Das war vor fünf Jahren. 2015 wurde in Nauen eine Turnhalle, die als Notunterkunft für Flüchtlinge dienen sollte, von Brandstiftern angezündet. Eine weitere Flüchtlingsunterkunft befindet sich am Stadtrand. „Zu weit abseits“, sagt Yves und fügt hinzu: „In Nauen leben wenig Menschen, die offen gegenüber Fremden sind. Da würden die Flüchtlinge keinen Anschluss finden“, fügt er hinzu.
Der 16-jährige Jan findet das alles eine große Ungerechtigkeit. Für die 11-jähirge Lotta ist klar: „Das sind doch geflüchtete Menschen. Die wären lieber zu Hause und nicht in einem fremden Land. Sie sind hier, weil in ihrer Heimat Krieg herrscht. Viele würden wieder nach Hause wollen, wenn der Krieg beendet ist“, sagt sie.

Ankunft am Innenministerium

„Die Politiker haben bestimmt keine Zeit“, sagt Jan und wird damit Recht behalten. Die Schüler stehen vor dem Ministerium, zu sehen gibt es hier uniformierte Beamte, die nachfragen, telefonieren, noch mal nachfragen. „Ja, Schüler aus Nauen wollen einen Brief abgeben.“ Es wird erstaunt geschaut, wissen die in Nauen nicht, dass es für so etwas die Post gibt? Es wird bekräftigt: „Wir würden den Brief gern abgeben.“

Der Herr von der Post

Am Ende taucht ein Herr in Trainingsjacke auf, der erst auf Nachfrage erklärt, zur Poststelle zu gehören. Ein Foto der Übergabe des Briefes lehnt er ab, nimmt das Papier wortlos entgegen und hat es eilig, damit ins Innere des Gebäudes zu verschwinden.

Fünf enttäuschte junge Menschen

Zurück bleiben fünf enttäuschte junge Menschen. Sie fragen sich, ob der Minister den Brief lesen wird. Pia sagt, sie habe nichts anderes erwartet und greift sich im Bus ihre Schulunterlagen. Auch Jan sagt, er sei nicht überrascht, man habe schließlich keinen Termin gehabt. Er will sich weiterhin vor Ort für Flüchtlinge einsetzen. Yves meint, es wären vielleicht mehrere Briefe notwendig.

Interesse der Erwachsenen an Kindermeinungen zu gering

Lotta sagt, sie vermisse das Interesse der Erwachsenen an der Meinung der Kinder und Jugendlichen. Sie hätte sich wenigstens einen kurzen Dialog gewünscht. Auch Jolina ist enttäuscht. „Es heißt, die Meinung und das Engagement der Jugend sei wichtig. Doch jetzt hat man sich noch nicht mal fünf Minuten Zeit für uns genommen. Das ist entmutigend“, sagt sie und fügt hinzu: „Es sollten nicht die Schüler sein, die sich für die Flüchtlinge einsetzen. Es müssten die Politiker sein, die sich kümmern, die Pläne müssten schon längst da sein.“