Denn als nächstes wären sie nach Bad Belzig gefahren, doch die Stadt sagte dem Zirkus ab. Und nun? Das weiß Tamara Renz, die den Zirkus leitet, auch noch nicht so recht. Sie weiß nur eines, sie ist dankbar, in Falkensee gestrandet zu sein. Denn die Stadtverwaltung kam dem kleinem Familienzirkus sehr entgegen und viele Falkenseer unterstützen den Zirkus in der Notlage.
Die Zirkusfamilie Hermann Renz kommt aus Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern. Dort überwintert die Familie, man gibt kleine Vorstellungen in Kindergärten, Seniorenheimen und Firmen, bevor die Saison im März beginnt. Der Zirkus ist ein Saisongeschäft, das im Frühjahr wieder startet. Dann heißt es Geld verdienen, genug, um auch alle durch den Winter zu bringen. Im März ist die Kasse noch leer, die Reserven neigen sich dem Ende entgegen.
"Wir sind weniger gute Zeiten gewohnt", erzählt Tamara Renz. Die 50-Jährige führt den Familienbetrieb seit fünf Jahren. 1846 wurde der Zirkus Renz gegründet. Sie und ihr Ehemann Sascha gehören der siebten Generation an, die mit atemberaubenden Kunststücken, verblüffender Akrobatik und drolligen Clowns die Herzen des Publikums erwärmen. Alle Künstler gehören zur Familie.
Mit einem Zirkus verdiene man keine Reichtümer, sagt die Chefin. Darum gehe es auch gar nicht. Der Zirkus, das fahrende Leben und der Abend in der Manege, das ist Leidenschaft und Hingabe. "Mir fehlt der Geruch der frischen Sägespäne, die Gäste, die Kinder in ihren Kostümen", sagt Tamara Renz mit tränenerstickter Stimme. Dazu kommt die Sorge um die Zukunft. Wann wird es weitergehen? Geht es überhaupt weiter? Eine Sorge, die derzeit viele Kleinunternehmer umtreibt.

Zirkus Renz dankbar für Hilfe der Falkenseer

Ein Wochenende lang spielten sie in Falkensee, dabei kamen kaum zwanzig Gäste pro Vorstellung. Von Freunden und Bekannten aus der Zirkuswelt hörten sie, dass diese bereits die Zelte abbrechen. In den einzelnen Bundesländern gab es unterschiedliche Regelungen. Tamara Renz entschloss sich, keine weiteren Vorstellungen zu geben und nahm Kontakt zur Stadtverwaltung auf. "Wir sind hier schließlich zu Gast. Es ist unsere Pflicht, uns zu informieren", sagt sie.
Das Zelt blieb fortan geschlossen und damit gab es keine Einnahmen mehr. "Da war es eine enorme Erleichterung, als uns der Besitzer des Grundstückes sagte, wir könnten bleiben, ohne etwas zu zahlen", erzählt Renz weiter. Die Stadtverwaltung bot dem Zirkus schließlich die Festwiese am Gutspark zum weiteren Verbleib an, erzählt Renz weiter. "Das ist alles nicht selbstverständlich", sagt sie. "Wir sind wirklich sehr dankbar", fügt sie hinzu. Dann die nächste Überraschung, viele Menschen meldeten sich, brachten Obst, Gemüse und anderes Futter für die Tiere des Zirkus. "Wir sind überwältigt von der Hilfsbereitschaft", sagt Renz. "Es rufen uns Leute an und fragen, wohin sie Geldspenden richten können."
Im Moment sind sie elf Personen, Roswitha und Franz Renz, die Schwiegereltern der Chefin, sie selbst und ihr Gatte, ihre Kinder Jimmy, Mercedes, Franz, genannt Joey, Monti und dessen Ehefrau Rachel, deren Sohn Jake und Cousin Dario. Und dann sind da noch zwei Kamele, drei Pferde, das Mini-Pony mit Namen Fuchs und zwei Schäferhunde. "Die Tiere gehören zur Familie", sagt Tamara Renz. "Ihnen gilt unsere erste Sorge. Das Wichtigste: die Futterkasse muss gut gefüllt sein." Und es müsse immer jemand hier sein, wegen der Tiere.
"Im Grunde hat sich für uns nicht viel geändert", sagt Tamara Renz, wenn man von der beruflichen Situation einmal absieht. Sich fern der Heimat aufhalten, sind sie gewohnt. "Essen gehen oder ins Kino kommt für uns ohnehin nur sehr selten, vielleicht einmal im Jahr, in Frage", sagt sie. Und die Kinder bekommen auch sonst ihre Schulmaterialien von der Zirkus- und Schaustellerschule zugeschickt, eine allgemeinbildende Schule für reisende Familien.
Zurück nach Ludwigslust fahren, können sie sich kaum leisten. "Wir müssten dorthin fahren und wenn wir wieder auftreten dürfen an die Orte, an denen wir gastieren. Da kommen mal schnell 500 Kilometer zusammen. Das können wir finanziell kaum stemmen", sagt sie. Dazu kommt, dass sie den Schwiegereltern den Stress ersparen wollen, denn einen der großen LKWs fährt Franz Renz Senior. Auch hier machte Corona einen Strich durch die Rechnung. Joey war gerade dabei den LKW-Führerschein zu erlangen. Nun sind die Fahrstunden erst einmal auf Eis gelegt.
Wer also künftig am Gutspark Kamele sieht, muss sich nicht wundern. Der Zirkus Renz wird hier die Situation überbrücken. Und was macht ein Clown oder Artist solange? Üben und körperlich fit bleiben. Die Kostüme ausbessern, neue artistische Darbietungen ausdenken und einstudieren, den Tieren Auslauf und eine Portion Extra-Pflege zukommen lassen. Eventuell die Einwohner mit der einen oder anderen Zirkusnummer vor dem Balkon überraschen. Wäre etwas Abwechslung für die einen und in Form bleiben für die anderen. Etwas Geld dazu verdienen, das würde Tamara Renz freuen. "Wir sind dankbar über die Spenden, doch wir wollen nicht betteln. Das ist doch einfach nur peinlich", sagt sie.

#brandenburghältzusammen

Obst, Gemüse, Brot und Hafer sind willkommene Leckerbissen für die Tiere des Zirkus Renz. Was sonst noch fehlt, kann bei Tamara Renz erfragt werden. Telefon: 0173/1028358. Sollte jemand ein Damenrad zum Verleih übrighaben, auch darüber würde sich Tamara Renz sehr freuen.