Weniger die Fischerei als vielmehr die Ziegelindustrie habe Ketzin/Havel und die gesamte Umgebung geprägt, sagte Andreas Lauterberg, einer der Autoren der Dauerausstellung über die Geschichte der Ziegelindustrie im Ketziner Raum. Am vergangenen Wochenende wurde sie in der Remise des Ketziner Rathauses eröffnet.

Ziegelei-Geschichte begann um 1860

Begonnen hat die Geschichte der Ziegeleien, als der Lehrer Adolph Kaselitz die Bedeutung der hiesigen Tonvorkommen entdeckte und um 1860 im Raum des heutigen Vorketzin die erste Ziegelei errichtete. Ziegeleien seien damals ein einträgliches Geschäft gewesen. Hauptabnehmer der Ziegel waren die großen Städte, u.a. das aufstrebende Berlin, sagte Lauterberg. Die Ketziner Ziegel wurden mit so genannten Kaffenkähnen in die Hauptstadt transportiert.

150 Millionen Ziegel pro Jahr

In der Blütezeit des neuen Industriezweiges gab es in der Stadt und der näheren Umgebung 19 Ziegeleien. Sie produzierten jährlich bis zu 150 Millionen Ziegel. Ketzin/Havel wuchs ab 1860 von rund 1.000 Einwohnern auf 3.500 Einwohner. Davon war die Hälfte in der Ziegelindustrie beschäftigt.
Bereits im Durchgang zum Rathaushof dokumentieren vierzehn Tafeln diese für Ketzin bis heute prägende Entwicklung. So markante Bauten, wie die Villa von Ziegeleibesitzer August Müller in der Potsdamer Straße oder die Paretzer Rosenvilla von Wilhelm Müller und auch das Gebäude des heutigen Ketziner Ärztehauses von Friedrich Albrecht, stammen aus dieser Zeit. Letzteres wurde der Stadt als Krankenhaus gespendet.
Er ließ auch eine Kleinkinderschule auf dem evangelischen Pfarrhof errichten, dem Vorläufer der heutigen Kindertagesstätte. Allerdings ließ Albrecht nahe der ehemaligen Zuckerfabrik auch den historischen Burgwall abtragen, um die darunter befindlichen Tonvorkommen nutzen zu können.

Ziegeleien im gesamten Stadtgebiet

Die 19 Ziegeleien waren über das gesamte Gebiet der Stadt verteilt und reichten bis Tremmen und Paretz. Allein an der Fähre gab es vier Betriebe. Drei davon nahe der Havel in Richtung Paretz, eine in der Nähe der Badestelle. Die meisten gab es im Bereich des extra für die Ziegeleien gebauten Ziegeleikanals im Ortsbereich Brückenkopf. Ihn überspannte um 1900 eine hölzerne Zugbrücke. Um 1925 wurde sie durch eine eiserne Zugbrücke ersetzt.

Zahlreiche Gewässer sind entstanden

Nicht nur die Ziegeleien prägten die Stadt. Es sind heute besonders die zahlreichen Gewässer, die in den ehemaligen Tongruben entstanden. Gab es einst zwischen der Stadt und Zachow kein einziges natürliches Gewässer, sind es heute 84, die überwiegend sich selbst überlassen eine von Touristen bewunderte Naturidylle bilden und teils unter Landschafts- oder Naturschutz stehen.

Ausstellung in der Remise des Rathauses

In der Remise des Rathauses bezeugen zahlreiche Exponate diese Entwicklung. So sind auf einem großen Reliefmodell alle ehemaligen Standorte der Ziegeleien dargestellt, ebenso die ehemaligen und die noch heute existierenden Gebäude. Ein Ringofen damaliger Zeit hatte eine Jahreskapazität von sechs Millionen Ziegeln und verfügte über ein ausgeklügeltes Produktionssystem.
Ein Modell eines solchen Ringofens baute der Berliner Heinz Flieger, das den acht Tage dauernden Brennprozess veranschaulicht. Er gehört ebenso wie Andreas Lauterberg, Lothar Lehnhardt, Ilse Krey und Karl-Heinz Graffenberger aus Pausin zu den Gestaltern der Dauerausstellung. Mit der Schließung der letzten Ziegelei von Fritz Jöllenbeck am Ziegeleikanal endete 1946 dieses prägende Kapitel der Stadtgeschichte.
Öffnungszeiten: Montag und Mittwoch von 9 bis 15 Uhr, Dienstag 9 bis 16 Uhr, Donnerstag von 9 bis 18 Uhr und am Freitag von 9 bis 12 Uhr.