Seyran Ates, die Mitbegründerin der Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, war am 26. Mai zu Gast im B80, dem Begegnungsraum der Willkommensinitiative „Wir in Falkensee“. Moderiert von Christoph Böhmer, hatten die rund 70 Besucher zwei Stunden Zeit, um Fragen zu stellen und mit der 55-jährigen, in der Türkei geborenen Rechtsanwältin zu diskutieren. Das Thema „Kopftuch“ spielte dabei eine wichtige Rolle. Ates betrachtet die Zunahme der Kopftücher, insbesondere bei Kindern, mit Sorge. „Das Kopftuch wird vom politischen Islam als Waffe verwendet, zur Klarstellung ihrer Frauen- und Männerrollen“, meint Ates.
Hintergrund sei immer noch, die frei bestimmte Sexualität zu unterbinden und das Patriarchat zu erhalten. Gerade dieses Patriarchat sei aber nicht zeitgemäß und müsse bekämpft werden. Kopftücher akzeptiert Ates nur dann, wenn sie von selbstbewussten, erwachsenen Frauen ohne Zwang getragen werden. Dort, wo Frauen den Staat repräsentieren, gehöre ein Kopftuch überhaupt nicht hin.
Eine Lehrerin aus Spandau berichtete, dass mitunter schon Kinder ab der 2. Klasse ein Kopftuch tragen. In solchen Fällen solle man unbedingt Gespräche mit den Eltern und der Islamgemeinde führen, meint Ates. „Kopftuch bedeutet Erziehung zur Geschlechtertrennung, Konservativität, gegen Gleichberechtigung. Ich würde alles tun, um mein Kind ein Kind sein zu lassen und seine Entwicklung nicht zu behindern.“
Als ein junger Mann aus dem Iran nach dem „richtigen Islam“ fragt, antwortet die Imamin: „Den gibt es nicht.“ Der Islam sei eine pluralistische Religion und würde weltweit auf verschiedenste Weise interpretiert. „Wir in unserer Moschee sagen, wir leben im 21. Jahrhundert und müssen unsere Religion der Zeit anpassen wie es andere Religionen auch getan haben.“ Das andere außer Gott über ihre Religiosität richten, lässt sie nicht zu. In der von ihr mitbegründeten Moschee rede man friedlich über Glaubensunterschiede.
Mit sechs Jahren kam die Tochter einer türkischen Mutter und eines kurdischen Vaters nach Berlin-Wedding, lernte schnell Deutsch und gehörte bald zu den besten Schülern. Nach dem Abitur studierte sie Jura und engagierte sich für die Frauenrechte von Migrantinnen. 1984 überlebte sie knapp ein Attentat. Heute steht sie unter Personenschutz. Mehrere Beamte begleiteten sie auch nach Falkensee und überwachten die Sicherheit bei der Veranstaltung im B80. Schon die Tatsache, dass dieser Schutz notwendig ist, spräche für die Probleme des Islam, meinte ein Besucher.
Der Kampf für einen modernen Islam sei lebensgefährlich, betont Seyran Ates. Genauso wie es eine Entwicklung zum konservativen Islam gebe, würden aber auch moderne Strömungen zunehmen. In Wien, Zürich, London, Paris und anderen Städten gäbe es liberale Islam-Projekte. Die Staaten und die EU müssen den modernen Islam jedoch mehr fördern und nicht nur die Verbände der Islamkonferenz unterstützen.
Eine kritische Haltung gegenüber dem intoleranten Islamströmungen hält Ates für angebracht. Man solle Leute, die gegen Islamismus und konservativen Islam seien, nicht gleich in die AfD-Ecke stellen. Die AfD werfe teilweise richtige Fragen auf, gäbe aber die falschen Antworten. Mit einer Einladung in die Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee endete das interessante Gespräch mit der mutigen, eloquenten Frau.