Es ist ein Drama. Der Schock sitzt nicht nur in Klein Behnitz tief. Gegen 9.45 Uhr wurde die Polizei informiert, nachdem der Landwirt unmittelbar zuvor auf dem Gelände seines Betriebes im Nauener Ortsteil wohl zwei Schüsse abgefeuert hatte. Dabei kam der 63 Jahre alte Mitarbeiter des Veterinäramtes ums Leben.
Sowohl die Amtsveterinärin als auch eine weitere Tierärztin flüchteten, versteckten sich auf einem Nachbargrundstück und konnten so dem Kugelhagel entgehen. Sie informierten die Polizei. Dennoch mussten sie in die Havelland Kliniken eingeliefert werden. Beide stünden unter Schock, konnten aber Auskünfte zum Tathergang liefern.
So seien, wie Havellands Landrat Dr. Burkhard Schröder (SPD) bestätigte, die Diskussionen zwischen den Mitarbeitern des Veterinäramtes und dem Landwirt zunächst „halbwegs friedvoll verlaufen“. Dann jedoch soll er das Gespräch unterbrochen, sein Haus aufgesucht haben und mit einer Waffe in der Hand zurückgekehrt sein, ehe er offenbar wild losfeuerte. „Das ist nicht vorhersehbar gewesen“, zitierte Schröder die Amtsveterinärin. „Ich kann nicht erkennen, dass unsere Behörde falsch gehandelt hat“, sagte er weiter. „Das ist eine neue Qualität. So etwas hat es in den vergangenen 25 Jahren hier im Havelland nicht gegeben“, zeigte sich Schröder fassungslos .„Diese irrsinnige Tat ist nicht mit Worten zu beschreiben. Meine Gedanken sind bei der Familie des Opfers, denen ich und die gesamte Behörde unser tiefstes Mitgefühl ausdrücken.“
Laut Aussagen des Landrats, der eiligst eine Krisensitzung einberufen hatte, soll der Landwirt seit Jahren den Tierschutz missachtet haben. Die artgerechte Haltung von Rindern habe generell Probleme bereitet und für Zündstoff gesorgt. Ehe es zu der Bluttat kam, waren bereits eine große Anzahl von Tieren per Lkw abgeholt worden. Sie sollten bei anderen Landwirten in der Region untergebracht werden. Eine spätere Rückführung der Tiere sei jedoch angedacht gewesen.
Nachbar Detlef Cleinow, der die Tat miterlebt hatte, schilderte den Hergang wie folgt: „Der zweite Viehtransporter ist auf das Grundstück gerollt. Es gab dann einen lauten Wortwechsel. Ich habe aus dem Fenster geschaut, konnte aber nicht hören, was sie gesprochen haben. Dann habe ich die zwei Schüsse gehört. Es war klar, dass es Schüsse waren, weil man die öfter von den hiesigen Jägern kennt. Man konnte dann auch schon die Nachbarn auf der Straße und die Kollegin vom Veterinäramt sehen. Mir war dann klar, dass Wilfried Z. noch bewaffnet ist. Ich hab dann mit der Ärztin des Veterinäramtes Deckung genommen und habe den Mann dann dort liegen sehen. Ich habe dann noch Wilfried zugerufen, er solle mich rein lassen, um dem Mann zu helfen. Er hat mir dann noch irgendetwas zugerufen. Weiter konnte ich aber nichts unternehmen, bis dann auch die Polizei kam. Die Polizei hat Wilfried Z. anschließend festgenommen, wie man das halt aus dem Fernsehen kennt. Die sind dann bewaffnet mit acht Mann raus aus dem Einsatzwagen, linksrum, rechtsrum ums Haus und haben ihn dann zu Boden geworfen und festgenommen. Wilfried Z. hat keine Gegenwehr geleistet. Er hatte schon immer seine Kühe gehabt, war sonst aber allein stehend. Eine Schwester hatte er aber noch in Falkensee, glaube ich. Seine Familie wohnte schon seit 400 Jahren hier in Klein Behnitz. Er war immer ein hilfsbereiter Nachbar, wie alle hier im Dorf. Er hat das Dorfleben mit seinen Kühen und Traktoren geprägt und war integriert. Und wenn mal eine Kuh von ihm auf der Straße stand, haben die Kinder sie wieder auf sein Grundstück zurückgetrieben – wie das eben so ist auf dem Dorf.“
Nach Informationen dieser Zeitung soll indes der Landwirt, der von Nachbarn als „unauffällig“ beschrieben wurde, eine lange Krankenakte besessen haben, weshalb er zuletzt nicht in der Lage gewesen sei, sich ordnungsgemäß um seine Kühe zu kümmern. Schon vor einigen Wochen hatte er während eines Krankenhausaufenthalt seine Tiere vorübergehend zur Betreuung abgeben müssen. Erst vor wenigen Tagen hatte zudem ein weiterer Nachbar, auch er wollte namentlich nicht genannt werden, versucht, ihn zu bewegen, sein Vieh aufzugeben. „Er hat sich abgekapselt und keine fremde Hilfe angenommen. Die Tiere waren sein Leben. Er kannte jede Kuh mit Namen“, sagte er.
Übrigens: Die Polizei soll Zeugenaussagen zufolge gegen 10.30 Uhr eingetroffen sein. Die Beamten konnten den 70-Jährigen, der inzwischen unbewaffnet war, wenig später überwältigen. Die Staatsanwaltschaft Potsdam und die Kripo ermitteln weiterhin. Ein Haftantrag ist bereits gestellt worden.
BUBUFoto:
Klein Behnitz