Mit gleich zwei Projekten will man in der Havelland-Klinik Nauen dem plötzlichen Herztod entgegenwirken. So werden alle Mitarbeiter des Krankenhauses zu Basishelfern ausgebildet. Zukünftig sollen auch jene ohne medizinische oder pflegerische Ausbildung einen Notfall erkennen und, wenn nötig, die Wiederbelebung einleiten können. Ferner soll ein Netz an sogenannten „First respondern“ also Freiwilligen mit Kenntnissen in Ersthilfe und Wiederbelebung im gesamten Landkreis ausgelegt werden. In beiden Programmen werden die Ersthelfer auch in die Handhabung des sogenannten AEDs (Automatisierter Externer Defibrillator) eingewiesen.

Wenn das Herz aussetzt

Der plötzliche Herzstillstand sei in Deutschland noch immer eine der häufigsten Todesursachen, sagt Petra Wilke, Chefärztin in der Notfallmedizin und 2. Geschäftsführerin im Rettungsdienst Havelland. Sie spricht von 70.000 bis 100.000 Fälle im Jahr. Von den 52.000 Einsätzen, bei denen der Notfall-Patient reanimiert, also wiederbelebt, wurden, konnte nur jeder 10. Betroffene gerettet werden.
Die schlechte Quote erklärt Wilke mit zu spät eingeleiteten Maßnahmen zur Wiederbelebung. „Es kann nicht hinter jeder Ecke ein Rettungswagen stationiert sein“, sagt sie. Wenn das Herz auf einmal nicht mehr schlägt, zählt jede Minute und so sind die Menschen im Umfeld gefragt, die die Zeit bis zum Eintreffen der professionellen Helfer überbrücken, und Erste Hilfe leisten sollten.

Sofort Reagieren wichtig

„Innerhalb von drei bis fünf Minuten ohne Reanimationsmaßnahmen kommt es zu irreversiblen Schäden im Gehirn, nach zehn Minuten kommt jede Hilfe zu spät“, so Petra Wilke. Umso wichtiger sei es, dass eine Notlage umgehend erkannt und sofort reagiert wird. Wilke sagt, im Durchschnitt brauche der Rettungsdienst im Bundesgebiet acht Minuten. Fünfzehn Minuten beträgt die Hilfsfrist, also die Zeit, in der die Helfer den Ort des Geschehens erreicht haben sollen. Zeit, die nicht ungenutzt bleiben sollte.
Wenn das Herz nicht selber pumpt, kann der Laie helfen - mit Herzdruckmassage oder Defibrillator. Doch hierbei schneidet Deutschland im Europavergleich eher schlecht ab. In Italien oder den skandinavischen Ländern übernehmen Laien in 60 bis 80 Prozent der Fälle die Ersthilfe, leiten die lebensrettende Reanimation ein. In Deutschland geschah dies 2019 in 40 Prozent aller Fälle, was im Vergleich zu 2014 schon ein Fortschritt ist, da wurde nur in 29 Prozent der Fälle eine Widerbelebung durch die Augenzeugen eingeleitet. Im Havelland sieht die Quote schlecht aus, 2019 wurde hier in nur 30 Prozent der lebensbedrohlichen Notfälle durch Laien reanimiert.

Havelland-Klinik will Vorbild sein

Havelland-Klinik Geschäftsführer Jörg Grigoleit sagt, da alle Mitarbeiter betroffen sein könnten, sollten auch alle für eine Reanimation geschult sein. Ziel sei, dass alle 2.000 Beschäftigten, egal welcher Fachrichtung oder Ausbildung, als Basishelfer Leben retten können sollen.
Die ersten wurden bereits mit dem AED, der im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes hängt, vertraut gemacht. Das Gerät gibt nicht nur gezielte Stromstöße ab, es verbindet den Nutzer auch gleich mit der Leitstelle, was eine fernmündliche Begleitung möglich macht. Die Schulungen werden durch das Ausbildungszentrum Gesundheit und Pflege durchgeführt, einer Tochtergesellschaft der Klinik. Die Schulungskurse zum Basishelfer können auch kommunale Verwaltungen, Unternehmen und Schulen buchen.

1000 First Responder

Für das zweite Projekt haben Havelland-Klinik und Kreisfeuerwehrverband einen Kooperationsvertrag geschlossen. Hierbei geht es um die Auslage eines breiten Netzes aus Ersthelfern, die im Notfall bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes lebensrettende Maßnahmen einleiten könnten.
Hierfür wurden zwölf AEDs angeschafft, finanziert über den Demografiefond. Freiwillige werden geschult, den Anfang machen die ehrenamtlichen Feuerwehrmänner und -frauen. „Wir haben rund 2.000 Feuerwehrleute, wenn jeder zweite sich schulen lässt, wären wir bei 1.000 First Respondern“, sagt Michael Reuter, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes. In Friesack stehen die Kameraden und Kameradinnen bereits in den Startlöchern und scharren im übertragenen Sinn mit den Hufen, würden gern loslegen, Nauen und Nennhausen sollen folgen.

Ersthelfer gesucht

Neben den Feuerwehrleuten werden auch andere Ersthelfer vor Ort gesucht. Geplant ist eine App, mit der über Einsatzorte informiert wird. Angst müsse hier niemand haben, sagt Matthias Rehder, Geschäftsführer im Ausbildungszentrum Gesundheit und Pflege. „Man kann sich selbst keinen Schaden mit dem Defi zufügen“, sagt er. Auch rechtliche Konsequenzen müssen nicht befürchtet werden, es handelt sich um eine freiwillige Leistung, es gibt keine Verpflichtung.
Und wie ist das mit dem Menschen, dem die Hilfe geleistet wird? „Besser eine gebrochene Rippe als sterben“, sagt Wilke über die Möglichkeit, einer bei der Herzdruckmassage zugefügten Rippenfraktur. „Wer in Deutschland Ersthilfe leistet, kann nicht wegen Körperverletzung verklagt werden“, fügt sie hinzu.
Um dieses Netz der First responder aufzubauen, braucht es viel Arbeit durch die Freiwilligen und Geld. Spenden sind willkommen, mehr dazu auf www.kfv-hvl.de.
Interessierte für die Basishelfer-Schulung können sich im Ausbildungszentrum Gesundheit und Pflege Havelland bei Pascale Daur unter 03321/42-1727 oder E-Mail fortbildung@agp-havelland.de melden.