Es ist der 16. April 2022, Ostersamstag. Bernd Kanwischer aus dem Nauener Ortsteil Berge sitzt mit seiner Familie gemütlich zusammen im heimischen Wintergarten. Nur wenige Meter weiter lodert derweil das Osterfeuer im Ort. Von einer Sekunde zur anderen nimmt der ruhige Abend eine dramatische Wendung. Bernd Kanwischer kippt vom Stuhl, erleidet einen Herz-Kreislauf-Zusammenbruch. Sein Leben hat er der schnellen Reaktion seines Sohnes und einer funktionierenden Rettungskette zu verdanken.
Ohne zu zögern handelt Kanwischers Sohn Renz und beginnt bei seinem Vater mit einer Herzdruckmassage. Die Schwiegertochter wählt derweil die 112 und ruft den Notarzt. Der Mitarbeiter in der Rettungsdienstleitstelle hilft Renz Kanwischer den richtigen Takt zu finden und zu halten. Parallel alarmiert die Leitstelle die Feuerwehrkameraden, die gerade das Osterfeuer bewachen. Ortswehrführer Marcel Mainzer und ein weiterer Kamerad laufen sofort rüber und wechseln sich mit Renz Kanwischer bei der Herzdruckmassage ab, bis nach wenigen Minuten der Rettungswagen mit den Sanitätern eintrifft.

Notärztin musste aus Falkensee kommen

Die Rettungs- und Notfallsanitäter bringen einen Defibrillator mit und können das Herz von Bernd Kanwischer wieder in einen Rhythmus bringen. Kurz darauf ist auch Notärztin Dr. Petra Wilke aus Falkensee in Berge eingetroffen. Sie hatte eine etwas weitere Fahrt, da in Nauen fast zeitgleich ein weiterer Herz-Kreislauf-Stillstand den dortigen Notarzt bereits beschäftigte.
Im Rettungswagen kam Bernd Kanwischer dann ins Krankenhaus, wo sich ein Team aus der Anästhesie, Kardiologie und Notfallversorgung um den 72-Jährigen kümmert. Davon bekommt dieser allerdings nichts mit. Er kann sich weder an den Samstag noch an den Karfreitag erinnern. Auch die Tage danach fehlen ihm, was allerdings nicht verwunderlich ist, denn die Ärzte versetzen ihn in ein künstliches Koma. Bei ihm wird eine Lungenarterienembolie festgestellt, also eine Verstopfung der Blutbahn, die vom Herz zur Lunge führt.
Zudem ist der Test auf Corona positiv. Neben Lungenentzündungen sind Lungenarterienembolien eine der Haupterkrankungen, die sie im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 sehen würde, so Dr. Petra Wilke. Kanwischer kommt auf die Intensivstation. Am Montag wird das künstliche Koma langsam ausgeschlichen, am Dienstag nach Ostern ist er erstmals wieder ansprechbar. Seit dem 6. Mai ist er wieder zu Hause und wird von seinem Hausarzt betreut.

Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt mit jeder Minute

Damit ist Bernd Kanwischer einer von wenigen, die einen solchen Herz-Kreislaufstillstand überlebt haben. Er profitierte von dem reibungslosen Ablauf seiner Rettungskette und dem schnellen Eingreifen seines Sohnes. Denn mit jeder Minute, die nach einem Herz-Kreislaufstillstand verstreicht, in der nichts getan wird, sinke die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10 Prozent, erklärt Dr. Wilke.
99 Reanimationen hat es im Jahr 2021 im Landkreis Havelland gegeben, das entspricht 61 Reanimationen pro 100.000 Einwohner. Rund 50 Prozent davon ereignen sich im häuslichen Umfeld. Immer wieder kommt es vor, dass bis zum Eintreffen der Rettungskräfte – im Havelland bei 72 Prozent der Fälle innerhalb von acht Minuten – keine erste Hilfe geleistet wird. Sei es, weil die Umstehenden unter Schock stehen oder sich nicht trauen.
Nur 30 Prozent der Fälle kommen nach einer Reanimation ins Krankenhaus. Auch dort schaffen es noch längst nicht alle. 7,3 Menschen werden pro 100.000 Einwohner lebend entlassen. Manchmal sei der Schaden bereits zu groß und keine Hilfe mehr möglich, so Dr. Petra Wilke.
Deswegen ist es der Ärztin und der gesamten Havelland-Kliniken-Unternehmensgruppe ein Anliegen, die Erste Hilfe und besonders die Herzdruckmassage der breiten Bevölkerung stärker ins Bewusstsein zu bringen. Zwei Projekte sind es, die das schaffen sollen: Zum einen die Basishelfer und zum anderen die First Responder.

Flächendeckende Erste-Hilfe-Schulung für Laien

Mit den Basishelfern will die Unternehmensgruppe ein Vorbild für andere Unternehmen sein. Die Kliniken haben in all ihren Einrichtungen viel Publikumsverkehr und mehr als 2.000 Mitarbeiter. Nicht alle sind medizinisch geschult. Ziel ist es, jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin ohne medizinische Ausbildung in einem vierstündigen Erste-Hilfe-Kurs unter anderem die Herzdruckmassage und den Einsatz eines voll- bzw. halbautomatischen Defibrillators näher zu bringen.
Ein sogenannter AED, automatischer externer Defibrillator, hängt bereits in 15-facher Ausführung in verschiedenen Einrichtungen der Havelland-Kliniken, zwei weitere sind bestellt. Dieser Defibrillator analysiert automatisiert das Herz und kann durch gezielte Stromstöße helfen, bei Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern oder Kammerflattern eine normale Herzaktivität wieder herzustellen.
Rund 100 Mitarbeiter wurden bereits geschult. Nach einer Corona-Pause wird diese Maßnahme nun eine Pflichtfortbildung, die alle zwei Jahre aufgefrischt wird. Damit sollen flächendeckend im Unternehmen die Laien geschult werden. Über die Pflegefachschule können solche Schulungen auch für externe Unternehmen angeboten werden.

First Responder helfen, bis der Rettungsdienst eintrifft

Ein weiteres Projekt ist das der sogenannten First Responder – also quasi „Erste Reagierer“. Seit September 2019 wird es vom Kreisfeuerwehrverband auf Initiative der Havelland-Kliniken geführt. Es handelt sich dabei um eine freiwillige ehrenamtliche Leistung, bei der derzeit Kameraden und Kameradinnen der Freiwilligen Feuerwehren geschult werden. Diese werden umfassend qualifiziert und dann bei entsprechenden lebensbedrohlichen Einsätzen im näheren Umfeld über die Leitstelle mitalarmiert. Sie leisten Erste Hilfe, bis der Rettungsdienst eintrifft.
Über das Demografie-Projekt des Landkreises wurden dafür bereits 12 AEDs angeschafft und an einzelne Feuerwehren verteilt. Doch die AEDs allein reichen nicht, die Kameraden müssen auch geschult werden. Bereits ausgebildet sind First Responder in den Feuerwehren Rathenow, Nauen, Börnicke, Friesack, Falkensee sowie Barnewitz/Garlitz/Nennhausen und Ketzin/Havel. In der Ausbildung befinden sich weiterhin Kameraden aus Nennhausen und Dallgow-Döberitz.
Um das Netzwerk der First Responder weiter auszubauen, braucht es Geld. Sowohl um weitere Defibrillatoren anzuschaffen als auch um den Kameraden die Schulungen zu ermöglichen. Dafür hat der Kreisfeuerwehrverband ein Spendenkonto eingerichtet:
Kreisfeuerwehrverband Havelland, IBAN: DE32 1650 0000 1000 5826 94, BIC: WELADED1PMB, Mittelbrandenburgische Sparkasse Potsdam
Übrigens, die Feuerwehr Berge verfügt bereits über einen gesponserten Defibrillator. Allein die Kameraden konnten aufgrund von Corona noch nicht im Umgang mit dem Gerät geschult werden.