In Wien herrschen lockere Sitten. Die regierende Herzogin, dargestellt von Katharina Kusch, hat die Zügel schleifen lassen. Die Halbwelt amüsiert sich ohne viel Rücksicht auf Recht und Gesetz. Statt die Sache selbst zu richten, begibt sich die Herzogin auf Reisen und beobachtet inkognito, wie der von ihr eingesetzte Stadthalter Angelo strengere Saiten aufziehen soll. Der zögert nicht lange, seine Macht zu beweisen. Bei erster Gelegenheit verurteilt er den jungen Claudio zum Tode, weil er seine Verlobte noch vor der Hochzeit geschwängert hat. Die Nachricht platzt mitten hinein in die heiter-frivole Party von Madame Fuddelfut (Christina Sellenthin), deren beeindruckende Kostümierung dem Besucher den Atem raubt. Verdorben ist die Stimmung im Etablissement. Schluss mit erotischem Amüsement, zum Bedauern der Protagonisten, aber auch der Zuschauer.
331820
Dafür wird es nun dramatisch. Isabella, die Schwester des Verurteilten erscheint vor Stadthalter Angelo und bittet in einer herzzerreißenden Szene mit der ganzen Poesie des Shakespearischen Textes (wunderbar gespielt von Steffi Schieferdecker und Sebastian Maihs) um Gnade für ihren Bruder. Angelo bleibt hart, was das Urteil angeht, verliebt sich aber in die Bittstellerin. Zerrissen zwischen Pflicht und Begehren wird er selbst zum Gesetzesbrecher. Machtmissbrauchend bietet er Isabella das Leben des Bruders für eine Liebesnacht, hält aber sein Versprechen nicht. Unversehens ist aus der Absicht, Recht und Gesetz zu befördern, Willkür und Tyrannei geworden. Aber auch in Angelos scheinbar lupenreiner Vergangenheit gibt es dunkle Seiten. Marianna, eine verstoßene Verlobte, mit überzeugender Verbitterung dargestellt von Katja Bremer, wird ausfindig gemacht und ins Spiel gebracht. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Richter und Henker, Gerichtssekretärin und Lebemann, Zuhälter und Gefängniswärter mischen mit. Wer wissen will, wie es ausgeht, sollte das Stück nicht verpassen.
Gespielt wird im Kulturhaus Johannes R. Becher in Falkensee. Die Zuschauer sitzen gestaffelt zu beiden Seiten eines Mittelgangs, in dem die Schauspieler, aus drei verschiedenen Türen kommend, agieren. Was da vom Kleinen Theater Falkensee gezeigt wird, ist Laienschauspiel auf sehr hohem Niveau, unterhaltsam und spannend in jeder Minute.
Der in Salzburg ausgebildete Regisseur Sebastian Eggers lässt seine Akteure zu Höchstform auflaufen. Gesine Falke etwa, die den Zuhälter und Bierzapfer Pompejus überaus witzig als gewieften kleinen Mann gibt, der sich durchs Dasein schlägt, geschäftstüchtig im Alltag aber devot vor der Macht. Oder Lebemann Lucio, alias Joseph Birke, der eloquent und scheinbar nicht zu fassen ist, bis die herzogliche Autorität in der Person von Katharina Kusch auftritt.
Dramaturg Sebastian Maihs hat die als "Problemstück" geltende Komödie Shakespeares aus dem Jahre 1604 in ein modernes Gewand gekleidet ohne die Inhalte zu verfälschen und ohne an entscheidenden Stellen auf den immer wieder beeindruckenden Klang der klassischen Originalübersetzung zu verzichten.
Das Stück wird noch bis zum 24. November im Kulturhaus am Havelländer Weg 67 gezeigt. Karten zum Preis von 8 Euro können via Telefon unter 03322/3287 oder im Internet unter http://kleines-theater-falkensee.de bestellt werden.
Hochstimmung in Madame Fuddelfut's Etablissement. Die Puppen tanzen, bis eine Schreckensnachricht der Party ein Ende bereitet. Das Kleine Theater Falkensee erntete bei der Premiere seines neuen Stücks am vergangenen Freitag viel und kräftigen Applaus im Kulturhaus Johannes R. Becher.Foto: Achilles