Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Bereits im März 1933 richtete die SA in Oranienburg das erste Konzentrationslager (KZ) ein. Hierbei handelte es sich nicht um Sachsenhausen. In den darauffolgenden Wochen wurden weitere dieser Folterstätten eingerichtet. Meist wurden hierfür leerstehende Fabrikgebäude, Garagen, alte Schulen oder Keller genutzt. Die meisten dieser frühen Lager waren nur wenige Monate in Betrieb. Doch auch diese Zeit reichte den Nationalsozialisten, um Tod, Leid, Qualen, Angst und Verletzungen, die oft niemals heilten, über die Inhaftierten und deren Familien zu bringen.
Eines dieser frühen Konzentrationslager stand in Börnicke, heute ein Ortsteil von Nauen. Es wurde als Teillager des KZ Oranienburg geführt. Vom Ort des Grauens, der vormals eine Zementfabrik gewesen war, ist nichts geblieben. Ein Gedenkstein an der Straße nach Tietzow soll an das Leid und Elend erinnern, dass hier, auf diesem Boden, stattfand. Der graue Stein ist vom Moos überwachsen, an einer Seite fehlt ein Buchstabe, das K von KZ ist nicht mehr vollständig. "Ehre ihrem Andenken" steht auf dem Stein.
Heino Brandes hat mit seinem Werk "Börnicke im Osthavelland" Zeugnisse über diesen vergessenen Ort gesammelt. Hier finden sich Berichte über die Zustände im Lager, Betten aus Stroh, welches bei Feuchtigkeit schimmelte, Scheinexekutionen, Schläge, Tritte, Waterboarding. Es waren überwiegend politische Häftlinge, die hier festgehalten wurden, Kommunisten und Sozialdemokraten. Oft waren es Kleinigkeiten, die ausreichten, um jemanden hinter den Mauern der ehemaligen Zementfabrik verschwinden zu lassen. Angebliche Waffenfunde oder "Staatsfeindliche Umtriebe". Und manchmal reichte es schon aus, sich an die Regeln zu halten. Diese Erfahrung musste der damalige Ketziner Bürgermeister machen. Er hatte die auf dem Rathaus gehisste Hakenkreuzfahne entfernen lassen. Hatte doch, nach seinem Verständnis, eine Parteifahne nichts auf einem öffentlichen Gebäude zu suchen.
Mindestens zehn Todesopfer haben die Wachtruppen auf dem Gewissen. Die Überlebenden wurden von der Erinnerung verfolgt, seelische und körperliche Wunden begleiteten sie durch ihr weiteres Leben. So auch Oskar Sander aus Falkensee, der nach Börnicke verschleppt und hier gefangen gehalten worden war. 1944 starb er an den Spätfolgen seiner Verletzungen, die man ihm während seiner Inhaftierung zugefügt hatte. Das KZ Börnicke gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.
Nachbarn sollen sich über die Schreie der Inhaftierten beschwert haben. Bereits im Sommer 1933 wurden die Vorgänge im KZ untersucht, im Juli wurde es geschlossen, 79 Gefangene wurden von Börnicke aus in das KZ Oranienburg verlegt. Lagerkommandant Heinrich Krein wurde im September 1933 festgenommen. Etwa ein Jahr später wurde er wegen der Vergewaltigung einer Kommunistin verurteilt. Alle anderen Gewalttaten, einschließlich der ermordeten Gefangenen, blieben ungesühnt.
Das frühe KZ in Börnicke war eines von insgesamt neun dieser frühen Vororte zur Hölle in Brandenburg. Nur wenig ist über diese Orte des Grauens bekannt, von den frühen Konzentrationslagern in Alt-Daber, Perleberg, Havelberg, Oranienburg, Meissnershof, Brandenburg an Havel, Sonnenburg und Senftenberg. Die Wander-Ausstellung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten "Terror in der Provinz Brandenburg, Frühe Konzentrationslager 1933/34" erzählt anschaulich vom Grauen, das Sachsenhausen und Ravensbrück vorausging. Sie berichtet von dem, wie es anfing, wie ein Testlauf, bevor es zu den mörderischen Lagern, zum Todesmarsch im Belower Wald (Wittstock/Dosse) oder den Euthanasie-Morden in Brandenburg an der Havel kam.
Die Ausstellung ist derzeit nicht öffentlich zu sehen, sie steht aber zur Leihe zur Verfügung. Weitere Infos dazu auf www.sachsenhausen-sbg.de.
Am Montag, 27. Januar, findet auf Initiative des Ortsbeirates Börnicke um 10 Uhr eine Gedenkstunde am Gedenkstein des ehemaligen Konzentrationslagers in der Tietzower Straße statt.