Irgendwie hat es Berge (Nauen) nie so richtig ins Bewusstsein der Havelländer geschafft. Vielleicht ist es die Nähe zu Ribbeck, dem berühmten Ort mit Schloss und Gedicht. Oder die Zurückhaltung, mit der man sich in Berge übt, wenn es um die Sehenswürdigkeiten geht. Ein Straßendorf, wie es einige an der Bundesstraße 5 gibt. Gesäumt von Bauernhäusern und gepflegten Vorgärten. Und doch ist Berge anders, es verhüllt seine Geheimnisse unter der Decke des Dorfalltags.
Es schnuppert nach Land, wenn man das Auto unterhalb der Dorfkirche abstellt. Nur wenige Schritte, dann sieht man sie bereits. Die Dorfkirche steht auf einem Hügel, der schmale Weg führt fast schnurgerade hinauf. „Früher stand hier eine Wehrkirche“, erklärt Brigitte Richert wenig später. Die 77-Jährige ist Mitglied im Förderverein der Dorfkirche Peter und Paul.

Das Dorf Berge hatte wechselnde Eigentümer

Die Kirche wurde 1744 auf den Grundmauern einer Fachwerkkirche erbaut. Von hier oben hatte man bestimmt gute Sicht über das platte Land. Mit seinen 40 Metern über Normalnull und für Brandenburger Verhältnisse ein tatsächlicher Berg. Die Kirche ist weithin von allen Seiten sichtbar, eine unverwechselbare Landmarke.
In Berge haben sich gleich zwei der berühmten Adelsgeschlechter des Havellandes verewigt. Die von Bredows werden 1292 als Besitzer erwähnt, ihnen folgt ab 1440 die Familie von Hake. 300 Jahre werden sie hier ansässig bleiben, bis das Gut 1720 von König Friedrich Wilhelm I. gekauft wurde.

Drei engagierte Menschen haben den Schlüssel zur Kirche

Um in die kleinen und großen Geheimnisse von Berge Einblick zu bekommen, sollte man sich an Axel Ebertus, Jörg Schwiunrek oder Brigitte Richert wenden. Sie kennen die Geschichte des Ortes und sie haben die Schlüssel zur Kirche. Eine vorherige Absprache ist also unbedingt zu empfehlen.
Betritt man die Kirche, wird das Auge zunächst auf den kleineren Altar, gegenüber des Portals, gelenkt. Der Altar, mit der noch gut erhaltenen Inschrift, stammt aus der ehemaligen Kirche in Tietzow. Der eigentliche und sehr prächtige Altar, steht an der Ostseite.
Während im Inneren der Kirche das Auge frei schweifen kann, wird es draußen derzeit von einem Gerüst an der genaueren Inspektion gehindert. So bleibt im Moment der Blick auf die Reliefs an den Außenwänden verborgen. Zu sehen ist, dass der Kirchturm keine Uhr hat. Schwiunrek, der Berge bereits als Steppke unsicher gemacht hat, sagt, anders als die meisten Kirchen habe diese nie eine Uhr gehabt. Umso größer war die Überraschung, als sich die Turmuhr auf dem Dachboden der Kirche fand.

Tote, deren Namen man nicht kennt

Auf der Rückseite der Kirche befindet sich eine Öffnung, die mit einem Gitter gesichert ist. Dahinter ruhen die wohl bekanntesten Toten des Dorfes. Und das obwohl man ihre Namen gar nicht kennt. 1970 fand der zu dieser Zeit amtierende Pfarrer Walter Schmidt in der Gruft unter der Kirche zwei mumifizierte Leichname. Ein Mann, wahrscheinlich einer der Ritter von Hake und eine Frau.
Bei der weiblichen Toten nimmt man an, dass es sich um Agnes Sophie von Bose handelt, die im Alter von 28 Jahren bei der Geburt ihres toten Kindes verstarb. Es könnte sich aber auch um Anna Margarete von Rochow handeln, sie wurden, wie auch andere Mitglieder der Familie, in der Familiengruft bestattet. Die genaue Identität der Toten, wie auch die Umstände ihrer Mumifizierung bleiben ein Rätsel. Die Mumien wurden zwar etwa sechs Jahre lang untersucht, doch blieben diese Fragen offen.

Der Mumie fehlen inzwischen die Haare

Richert kann sich noch gut an ihre erste Begegnung mit den Mumien erinnern. Damals hatte die Frau noch langes, volles, rot-dunkles Haar, berichtet sie. Das Haar und auch das Leichentuch der männlichen Leiche sind verschwunden. Wie, warum, dazu gibt es Theorien.
„Vielleicht Mäuse“, sagt Ebertus. Der 77-Jährige kennt die Geschichte der Kirche wie kaum ein Zweiter. Die Mumien von Berge sollen zu best-erhaltenen Mumien in Deutschland gehören und Ebertus weiß nicht nur viel über sie und „seine“ Kirche. Er teilt sein Wissen sehr gern.
Die trockene Luft könnte einer der Gründe für die Mumifizierung sein. Denn die beiden wahrscheinlich Adligen sind nicht die einzigen Mumien in der Kirche. Unterhalb des Altars an der Ostwand soll Pfarrer Schmidt Kindersärge entdeckt haben. Auch hier gab es kaum Spuren von Verwesung, die Kinder waren mumifiziert. „Die Kinder hielten Blumenkränze in den Händen“, erinnern sich Richert und Schwiunrek. Es geht die Geschichte einer ansteckenden, tödlichen Krankheit um. Ob dem so ist oder ob man nur Neugierige fernhalten wollte, das Rätsel bleibt ungelöst. Die Kindersärge sind nicht mehr zugänglich.

Mumien von Berge werden nicht groß vermarktet

Vielleicht auch gut so, sagen die einen. Eine Meinung, die nicht alle teilen würden, sagt Richard. Die Mumien vermarkten und ein Geschäft aus der Besichtigung machen – wie beim Ritter Kahlbutz in Kampehl – , das lehne man von Seiten der Kirche ab, erklärt sie. „Die Totenruhe soll gewahrt sein“, bekräftigt Ebertus und fügt hinzu, dass ein gewisses öffentliches Interesse durchaus verständlich sei. Und so geht man in Berge einen Mittelweg. Die Mumien können besucht werden, allerdings muss man sich dafür beim Förderverein oder über die auf der Seite des Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg angegebenen Kontakte anmelden. Eine Spende darf im Anschluss gern zurückgelassen werden.