Die Stolperstein-Vorbereitungsgruppe Falkensee und Umgebung entführte am 9. Oktober 2021 Freiwillige in die Historie der Region. Diesmal traf man sich zur geschichtlichen Erkundungstour in Falkensee-Finkenkrug. Von hier aus ging es nach Dallgow-Döberitz.
Das Wohnhaus der Familie Chodziesner war Treffpunkt für die rund dreistündige Tour, der knapp 30 Teilnehmer folgten. Chodziesner war der Geburtsname der Lyrikerin Gertrud Kolmar, deren Werke zum Großteil erst lange nach ihrer Ermordung im Konzentrationslager Ausschwitz bekannt wurden. Das Haus in der Feuerbachstraße war ihre letzte freiwillig gewählte Adresse. Von hier aus brachten die Nationalsozialisten sie zunächst nach Berlin-Schöneberg, später wurde sie mit dem 32. Osttransport in den Tod deportiert.

Gertrud Kolmar arbeitete in Dallgow-Döberitz während des Ersten Weltkriegs

Die 1894 geborene Kolmar besuchte eine Haus- und Landwirtschaftliche Mädchenschule, erlernte mehrere Sprachen und war im ersten Weltkrieg als Übersetzerin im Kriegsgefangenenlager Döberitz für die Kontrolle der Lagerpost zuständig. Dieser Aufgabe soll sie zugunsten der Gefangenen nachgegangen sein.
Kolmar befasste sich in ihren Gedichten zunächst viel mit der Natur, doch schon bald werden ihre Worte düsterer, widmen sich den Geschehnissen um sie herum. Während ein Großteil der jüdischen Familie flieht, bleibt sie, sehenden Auges, bei ihrem kranken Vater in Finkenkrug. Für Gertrud und Ludwig Chodziesner liegen zur Erinnerung an ihr Schicksal Stolpersteine, kleine Gedenktafeln aus Messing, vor dem Wohnhaus der Familie in Finkenkrug.

Alte Zeitung bei Umbauarbeiten entdeckt

Die nächste Station führt in die Nauener Straße in Dallgow zu den im Sommer verlegten Stolpersteinen für das Ehepaar Katz. Hier stieß Anwohnerin Anne Hecker zur Gruppe. Hecker hatte bei den Umbauarbeiten in ihrem Wohnhaus einen eingemauerten Zeitungsbericht zu den „Nürnberger Rassegesetzen“ gefunden. In dem Text geht es um die Frage, wer nun vor dem Gesetz als Jude gilt. Hecker hat ein Foto von dem brüchigen Papier dabei. Sie berichtet, sie habe einen Flyer einer Toleranzbewegung in das Loch gesteckt und dann wieder zugemauert.

Dallgow-Döberitz/OT Rohrbeck

Auch der dritte Haltepunkt gilt einem Stolperstein. Er erinnert an Prof. Dr. Martin Karpinski, der als Mitglied der Johannischen Kirche ebenfalls in den Fokus der Nationalsozialisten geriet. Angeklagt wegen „Volksverrat“ wurde er ins Zuchthaus Brandenburg verschleppt, wo er in Folge der Haftbedingungen starb.

Gastronomie, die in Zwangsarbeiterlager umgewandelt wurde

Am Märkischen Platz legte die Gruppe den nächsten Stopp ein. Hier wird über die militärische Zeit in Dallgow-Döberitz berichtet. Besonders über die breite Palette an gastronomischen Betrieben, einige dienten später als Unterkünfte für Zwangsarbeiter. Dass es in Dallgow-Döberitz mehrere solcher Unterkünfte gab, ist belegt. Während einige Standorte recherchiert werden konnten, sind andere dieser Unterkünfte, wie zum Beispiel das Außenlager des Mädchen-KZ Uckermark, noch immer unbekannt.

Wasserturm für Flugplatz Staaken abgetragen

An der Ecke Seestraße/ Steinschneiderstraße erfährt die Gruppe mehr über die Villenkolonie Dallgow und ihren Gründer, Max Steinschneider. Beim Stopp hinter dem neuen Rathaus geht es um den Wasserturm, dessen Ruine dahintersteht. Wenigstens drei Wassertürme sollen in Dallgow mal gestanden haben. Dieser hier hatte einst mehr als über 54 Meter Höhe und wurde 1939 auf seine jetzige Höhe abgetragen, um den Anflug auf den Flugplatz Staaken zu erleichtern.

DDR-Vergangenheit: Transitstrecke nach Hamburg

Auf dem Supermarktparkplatz an der Wilmsstraße gibt es dann geschichtlichen Input zur Hamburger Chaussee, einst Transitstrecke durch die DDR von Berlin-West nach Hamburg. Während sonst Autobahnen West-Berlin mit dem Rest der Welt verbanden, war die Hansestadt bis in die 1980er Jahre über eine Landstraße zu erreichen. Und auf der konnte, zumindest im Sommer, die Reise sogar mit dem Fahrrad angetreten werden.
Auf der Brücke über dem Schwanengraben werden Fotos der ehemaligen Badestelle gezeigt, am Wasserturm in der Wilhelmstraße schließt sich dann der Kreis. Ganz in der Nähe hatte Gertrud Kolmar gearbeitet und die Briefe der Gefangenen in Händen gehalten. Die Tour endete etwas später als geplant am Bahnhof Dallgow-Döberitz.