Birgit Wolter ist als Pfarrerin nah dran an den Menschen. Vor vier Jahren kam sie in die Region, feiert die Gottesdienste in den Gemeinden Grünefeld und Börnicke. Das es gar nicht weit entfernt von der Kirche in Börnicke einst ein Konzentrationslager gab, das wusste sie lange nicht. Niemand sprach darüber, erst durch eine neu in den Ort Hinzugezogene, erfuhr sie von dem Ort des Grauens.

Keine Wegweiser zum Denkmal

Wer von Börnicke kommend die Straße Richtung Tietzow fährt, kommt an einem Obelisken vorbei, der an die frühere Stätte des Terrors und der Gewalt erinnern soll. Von dem Denkmal muss man wissen, es gibt keinen Wegweiser und nicht wenige, die es suchen, fahren zunächst daran vorbei. Am Montag konnte das nicht passieren, denn der hier einst zu Unrecht festgehaltenen und gequälten Menschen wurde gedacht.

500 Rosen für 500 inhaftierte Menschen

Bürgermeister Manuel Meger (LWN) verteilte zuvor 500 Rosen rund um das betongraue Mahnmal. 500 Rosen, eine für jeden Menschen, der in der ehemaligen Zementfabrik Leiden musste. Zum zweiten Mal wurde nun wieder den Opfern gedacht. Im letzten Jahr bereits und diesmal im Mai, denn am 17. Mai 1933 wurden die ersten Opfer aus Nauen in das sogenannte „wilde“ frühe KZ Börnicke verbracht. „Wir waren am 17. Mai die Ersten“, wird der ehemalige Häftling O. Heese später bestätigen. So hat es Lothar Hüppe in einer Abhandlung über das frühe KZ Börnicke geschrieben.

Wind und Wetter haben Gedenkstein zugesetzt

Zu Zeiten der DDR hatten hier regelmäßige Gedenkfeiern stattgefunden. Allerdings gedachte man in dieser anderen Diktatur auch nur der Opfer, deren man ein Andenken zusprach, erzählt Ortsbeirat Robert Pritzkow. Pritzkow hatte bereits im Vorjahr die Gedenkfeier organisiert und setzt sich für eine Sanierung des Gedenksteines ein. Denn dem grauen Stein von 1975 haben Wind und Wetter sichtbar zugesetzt, Buchstaben sind abgeblättert.

Wissenschaftliche Untersuchung und Sanierung des Denkmals geplant

Pritzkow hat mit seinem Ansinnen Unterstützung vom Landkreis und mit dem Landtagsabgeordneten Johannes Funke (SPD) auch im Land gewinnen können. Geplant ist neben einem würdigen Ort des Gedenkens eine wissenschaftliche Untersuchung und Begleitung. Eine Publikation solle erscheinen, die Stadt Nauen habe dafür 10.000 Euro bereitgestellt, sagt Bürgermeister Meger. Eine Informationstafel soll aufgestellt werden. „Über diesen Ort kursieren allerhand Un- und Halbwahrheiten“, weiß Ortsbeirat Pritzkow zu berichten. Hier könnte eine solche Info-Tafel für Klarheit sorgen. Meger möchte, dass die Schulen aus der Umgebung den Ort besuchen und die Geschichte „vor der Haustür erleben können.“

„Den Mantel des Schweigens entfernen“

Wie wichtig dieses Gedenken ist, macht Pfarrerin Wolter in ihrerbewegenden Rede deutlich. Wolter lobt das Vorhaben Pritzkows, der „damit auch den Mantel des Schweigens entfernt.“ Sie fordert auf, aller Menschen zu gedenken, die unter dem Nazi-Terror gelitten haben. „Erst wurde ihnen die Würde, dann Rechte, Freiheit und schließlich das Leben genommen“, sagt sie.
Wolter versäumt nicht, über den Antisemitismus, der gerade in diesen Tagen wieder Verbreitung findet, zu reden und sie spricht über die Angriffe auf Demokratie und Meinungsfreiheit, über den Hass, der seinen Weg in die Gesellschaft findet, nicht nur im Internet gestreut, sondern von Menschen zu Menschen getragen wird. „Dem müssen wir entscheiden entgegentreten“, fordert sie. „Der Holocaust kam nicht plötzlich über Nacht. Er hatte eine Vorgeschichte“, sagt Pfarrerin Wolter.

Elf unbekannte Häftlinge aus Sommerfeld hier beigesetzt

Ebenfalls Gast bei der Feierstunde war Sebastian Busse, Bürgermeister aus Kremmen. Auch er legte Blumen nieder, denn neben dem Denkmal liegen die sterblichen Überreste elf unbekannter Häftlinge, die vermutlich in Sachsenhausen inhaftiert waren. Sie waren nahe Sommerfeld gefunden und in Börnicke beigesetzt worden.

Zu laute Schreie der Gefolterten

Das frühe KZ Börnicke war für wenige Monate in Betrieb, dann wurde es geschlossen. Anwohner hatten sich über die Schreie der Gefolterten beklagt. Von Mai bis Juli 1933 waren dort etwa 500 Menschen inhaftiert. Börnicke war die Außenstelle des KZ Oranienburg, welches in einer stillgelegten Brauerei eingerichtet wurde. Es ist nicht zu verwechseln mit Sachsenhausen, dass 1936 entstand. In Börnicke wurden überwiegend Kommunisten und Sozialdemokraten inhaftiert. Oder Menschen, die politisch abwichen, so zum Beispiel der Bürgermeister aus Ketzin, der die Hakenkreuzfahne vom Rathaus holen ließ. Nach seiner Auffassung hatte dort die Fahne einer Partei nichts zu suchen.

Zehn Menschen ermordet oder an Folgen von Misshandlung gestorben

Zehn Todesopfer sind aus dem KZ bekannt. Sie wurden ermordet oder starben, wie der polnische Landarbeiter Michael Kukurudza, an den Folgen von Folter und Misshandlung. Andere überlebten oft nur um wenige Monate die Lagerhaft. So starben Erich Reich aus Wansdorf, Rudolf Seidel aus Brieselang und Oscar Sander aus Falkensee erst nach ihrer Entlassung an den Folgen der Misshandlungen. Als das Lager im Juli 1933 geschlossen wurde, wurden 79 Häftlinge nach Oranienburg überstellt.