Zum Start der Wintervorträge referierte Bodo Kalkowski, dritter Vorsitzender des Vereins, zum Thema „Die ehemalige Chausseestraße vom Rathaus bis zur Stadtgrenze“. Wie auch in den vorhergehenden Vorträgen konnte er deutlich zeigen, wie sich die Stadt in den letzten einhundert Jahren verändert hat.
Die Chausseestraße, heute Berliner Straße, verlief in ihren Anfängen an der westlichen Stadtgrenze von Nauen. Sie hatte große wirtschaftliche und militärische Bedeutung, da sie die Fernverbindung zwischen Berlin und Hamburg darstellte. Zu DDR-Zeiten hieß sie auch kurze Zeit Stalinstraße. Kommt der Benutzer dieser Magistrale aus Richtung Berlin, so fährt er direkt auf das Rathaus zu. Hier gabelt sich die Straße. Westlich geht es nach Brandenburg und nördlich als Transitstraße nach Hamburg. Das hatte zur Folge, dass während der DDR-Zeit der Hamburger Teil unter ständiger Kontrolle der Sicherheitsorgane stand. Zu der Zeit als es noch keine Autobahn nach Hamburg gab, hatten es Fußgänger sogar schwer, die Straße zu überqueren. Sie war durch Kraftfahrzeuge fast den ganzen Tag verstopft.
Doch folgt man der Straße vom Rathausplatz aus in Richtung Berlin, ist der Teil bis zur Kreuzung mit der Mittelstraße mit hohen Bürgerhäusern bebaut. Bauherr war der Kaufmann Kerkow. Neben dem 1830 erbauten „Gasthof zur Stadt Hamburg“, dem heutigen Steakhaus, befindet sich ein ehemaliges Bankgebäude. Es beherbergte zu DDR-Zeiten die politische Machtzentrale des Kreises Nauen: die SED-Kreisleitung. Ihr schräg gegenüber befand sich ursprünglich die Fleischerei Hein. Danach wurde das Ladengeschäft bis weit in das 20. Jahrhundert hinein vom Gemüsehändler Heinemann übernommen. Daneben befindet sich das frühere Café Miericke, ein auch für Nauen-Besucher noch heute als Milchbar bekanntes Eiskaffee. Zwischendurch hieß es auch mal Café Einheit.
Hinter der Kreuzung Mittelstraße befand sich der Hindenburg Platz. Nach 1945 wurde hier der Ehrenfriedhof für die in und um Nauen gefallenen sowjetischen Soldaten angelegt. Zum Ende der 1980er Jahre wurde er mit Zustimmung der SED-Kreisleitung auf den Städtischen Friedhof verlegt. Gleich neben diesem Platz befand sich das Realgymnasium der Stadt. Später wurde es eine kommunale Berufsschule und gegenwärtig ist es eine Grundschule.
Auf der rechten Seite der Berliner Straße befindet sich eine Villa mit der Hausnummer 35, die heute die Kindertagesstätte „8. März“ beherbergt. In den Anfangsjahren der DDR residierte hier ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Bürger mit den kulturellen Errungenschaften der Sowjetunion bekannt zu machen. In dieser Zeit hieß es „Puschkin-Haus“. Unweit davon befindet sich eine der Niederlassungen von Reifen Helm – einer Service-Werkstatt für Motorräder und Autos. Sie ist angesiedelt auf dem Gelände einer im 19. Jahrhundert errichteten Bierhalle von August Behrend. Als die Bierhalle 1945 durch einen Bombentreffer teilweise zerstört wurde, baute man sie zu einer Vulkanisierwerkstatt um.
Enden sollten die Betrachtungen zur Chaussee, der heutigen Berliner Straße, an den Schienen der ehemaligen Osthavelländischen Kreisbahn. Sie überqueren die Straße und verursachten während des Zugbetriebes bis 1966 an ihrem beschrankten Bahnübergang oft minutenlange Wartezeiten und Autostaus. Gleich neben der Straße befand sich das Bahnhofsgebäude „Berliner Straße“, das nach dem Einstellen des Zugverkehrs zwischen Nauen und Ketzin/Havel zu einem Wohnhaus umgebaut wurde.