Wenn wir eines Tages zurückblicken auf das Jahr 2020, dann werden vielleicht auch die in der Pandemie Vergessenen aus dem Schatten treten. Im besten Fall tun sie es wie Robert Bolze und sein Team, gestärkt durch den Zusammenhalt in einer eigenen kleinen Welt, erstaunt über die eigenen Fähigkeiten und die der Anderen, etwas verwundert, weil vieles besser lief als gedacht und auf jeden Fall vorbereitet. Letzteres gehört für den 37-jährigen Betriebsleiter des ASB, der das Kinderheim auf dem Gelände an der Ruppiner Straße in Falkensee leitet, unbedingt dazu.

Die Vergessenen in der Kinder- und Jugendarbeit

Rund 60 Kinder im Alter von acht bis 18 Jahren aus dem gesamten Bundesgebiet leben zurzeit im ASB Kinderheim. Sie sind in verschiedenen Wohngruppen aufgeteilt, acht bis zehn Plätze hat eine solche Gruppen. Räumlich sind sie getrennt. Rinige sind in dem aus DDR-Zeiten stammenden Gebäude untergebracht, die Mädchengruppe wohnt im Neubau. Zwischen den einzelnen Häusern ist es grün, zumindest im Sommer. Es stehen Spielgeräte an verschiedenen Plätzen, hier und da wurden die betongrauen Wände mit viel Farbe und Fantasie aufgehübscht.
160 Mitarbeiter arbeiten in der Kinder- und Jugendhilfe des ASB. „Ich bin tief beeindruckt“, sagt Bolze über die Leistung seiner Mitarbeiter während der Pandemie. Nur wenige gaben ihre Arbeit auf, die meisten blieben. „Alle waren hochmotoviert, obwohl viele doch selbst verunsichert und ängstlich waren“,erzählt Bolze. Denn auch manche der Mitarbeiter gehören zur sogenannten Risikogruppe oder hätten Familienangehörige, um die sie sich sorgten, erklärt er.

Kinder mussten wochenlang auf dem Grundstück bleiben

Nicht nur dem Verhalten der Mitarbeiter zollt er Respekt, auch die Kinder und Jugendlichen verhielten sich mehrheitlich vorbildlich. „Ich hatte eigentlich mit der einen oder anderen Sachbeschädigung gerechnet“, sagt Bolze über jene Wochen, in denen die Kinder auf dem Grundstück bleiben mussten. Wie gelingt es, 60 Kinder, oft traumatisiert, mit jungen und doch holprigen Biografien, unbeschadet über eine solche Zeit zu bringen? Eine Zeit, die bereits von intakten Familien als schwierig betrachtet wurde.  
Eines der größten Probleme, sagt Bolze, die Kinder würden sich um ihre Eltern sorgen. Im Heim haben die Kinder Telefonzeiten, diese wurden während des Lockdown verlängert. Ein Problem ist der Datenschutz.  Kommunikationsdienstleister wie „WhatsApp“ dürfen im Heim nicht genutzt werden. Man arbeite an anderen Wegen der Kommunikation, die Internet-Verbindung wurde verbessert.

Kontakt zur Familie wichtig

Denn der Kontakt zur Familie ist aus vielerlei Gründen sehr wichtig und die Rückführung der Kinder in ihre Familien ist die Hauptaufgabe der Erzieher und Erzieherinnen. Denn tatsächlich haben die meisten der Kinder Familien. Sie kommen aus Familien im Krisenmodus, je nachdem um was für eine Krise es sich handelt und wie lang sie andauert, so lang ist auch der Aufenthalt im Kinderheim.
Es gab Heimbewohner, die setzten sich einfach in den nächsten Bus oder die Bahn, fuhren nach Hause oder einfach nur irgendwo hin, und erkannten schon bald, vor Corona gibt kein Verstecken. „Eine schwierige Situation“, sagt Bolze. „denn am Anfang hatten wir nichts. Kein Mund-Nase-Schutz, keine Desinfektionsmittel.“ Die Sorge war groß, einer der Jugendlichen könnte das Virus vom „Ausflug“ mitbringen, erinnert sich Bolze zurück.
Dagegen war die Schule am Laptop eines der kleineren Probleme. Man habe ausreichend Geräte zur Verfügung gehabt. Schon bald spielte sich die räumliche Trennung ein, die eine Gruppe benutzt das vordere Treppenhaus, die andere das Hintere. Letztlich waren es aber die Mitarbeiter, die die Moral hochhielten. Sie machten mit ihren kreativen Ideen aus der Not eine Tugend.
Als das Wetter besser wurde, stellten die Mitarbeiter Tische und Stühle hinaus, die einzelnen Gruppen konnten nun draußen ihre Mahlzeiten einnehmen. Man pflanzte zusammen Stiefmütterchen. Der Clou war eine Gelände-Rallye mit unterschiedlichen Stationen und kontaktlosen Aufgaben und Spielen, wie zum Beispiel Dosenwerfen. Auch Halloween wurde kontaktlos gefeiert.

Spenden aus der Region erleichterten die Situation

„Corona ist Scheiße“, befand erst kürzlich einer der Jugendlichen. Da mag kaum einer widersprechen. Solche Statements sind die Spitze eines Eisberges, der sich als gar nicht so kalt herausstellte. Bolze sagt, die Unterstützung aus der Umgebung sei ebenfalls beeindruckend gewesen. Man habe selbstgenähte Mund-Nase-Masken gespendet bekommen und der ansässige Lebensmittelgroßhändler habe mit Spenden die Grillabende unterstützt.
Der Zusammenhalt, der Kinder, Jugendlichen und Mitarbeitern sei enorm und Bolze hofft, dies bliebe auch nach Corona so. Denn anders als für technische Unterstützung kann man hier keine Förderanträge stellen. Und da, wo man Förderung in Anspruch nehmen kann, würde sich Bolze mehr individuellen Spielraum wünschen. „Nachhaltig sollten solche Förderungen sein, an den Bedarf angepasst“, sagt er.

Weihnachten im Kinderheim

„Wir bereiten uns auf Weihnachten mit den Kindern vor“, sagt Bolze. Ob und welche Kinder zu ihren Familien fahren können, das bleibt noch abzuwarten. Kinder und Jugendliche können für den Familienbesuch beurlaubt werden, vorausgesetzt, das Kindeswohl wird nicht gefährdet. Inzwischen wird der Weihnachtsbaum aufgestellt und das Weihnachtsessen geplant. Wie die Vorweihnachtszeit gestaltete wird, entscheiden die Mitglieder der Wohngruppen mit ihren Erziehern gemeinsam. Denn es habe ja jeder so seine Idee von einem gelungenen Weihnachten, sagt Bolze.
Bolze möchte bei zukünftigen Investitionen die Notwendigkeit, sich auf dem Grundstück aufhalten zu müssen, nicht aus den Augen verlieren. Die Wichtigkeit des eigenen Spielplatzes hat sich in diesen Wochen gezeigt und hier möchte er mehr anbieten. Er fordert die Kinder und Jugendlichen auf, ein Corona-Tagebuch zu schreiben. „Es ist wichtig zu wissen, was haben die Kinder und Jugendlichen vermisst? Was hätte ihnen die Zeit leichter gemacht? Was müssen wir anschaffen, um solche Zeiten noch besser meistern zu können?“
Und wenn Bolze ein solches Tagebuch führen würde? Was würde bei ihm ganz oben stehen? „Die Kinder- und Jugendhilfe wurde in dieser Zeit politisch vergessen“, sagt er. „Meine Mitarbeiter waren enormen Belastungen ausgesetzt. Nicht anders als Pflegekräfte in Seniorenheimen. Sie sind an ihre persönlichen Grenzen gekommen. Es wäre angebracht, dies so, wie in anderen Bereichen, zu honorieren.“
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