Das Gesicht ist entspannt, die Augen hat er geschlossen und um seinen Mund spielt ein kleines Lächeln. Entrückt von dieser Welt dreht Detlef Luther die Kurbel. Ein leises Klimpern holt ihn zurück, ein kleines Mädchen hat eine Münze in die Spendenbox geworfen und sofort ist Detlef Luther zurück in dieser Welt. Er ruft das Kind, dankt und hat noch etwas Schokolade für die kleine Spenderin. So rasch, wie er abtaucht, ist er auch wieder da, auf dem Marktplatz in Brieselang, wo er mit seiner Drehorgel die Leute erfreut.

Unterwegs mit 70 Jahre alter Drehorgel

„Nun ja“, sagt Detlef Luther, „vielleicht nicht alle.“ Denn in letzter Zeit steht er öfter hier und spielt. Möglich, dass es dem einen oder anderen auch schon etwas viel ist, mit der Musik aus der 70 Jahre alten Drehorgel. Ein Original, drinnen noch fein austarierte Technik, Musikrollen, die eingelegt und über eine Walze gedreht werden. Die Musik von der Rolle kann, aber muss nicht alt sein. Natürlich hat Luther die Klassiker, wie den „Sportpalastwalzer“ oder „Lieber Leierkastenmann, fang noch mal von vorne an“, dabei. Aber auch modernes und gibt eine Probe wie es klingt, wenn Andrea Berg von der Rolle kommt.

Detlef Luther ist bekannt in Brieselang

In Brieselang ist Luther bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Aktives Gemeindemitglied, sitzt im Kirchenvorstand, kennt dort Brieselang und die Welt, hat die Facebook-Gruppe „Brieselang hilft“ gegründet, die rund 250 Mitglieder hat. Er habe bereits als Kind ein Instrument spielen wollen, erzählt Luther und auch, dass ihm dieser Wunsch verwehrt blieb. Die Kindheit prägte, der Wunsch zu helfen, gegen Ungerechtigkeit ankämpfen wollen, alles Resultate der Kindheitserlebnisse, erzählt er weiter.

Drehorgel-Spiel selbst beigebracht

Statt ein Instrument zu lernen ging er nach Renteneintritt erst einmal zum Chor und sang. Das liebt er nämlich auch, verrät er. Zu dumm nur, dass schon bald darauf Corona den singenden (Un-)Ruheständler zum Schweigen brachte. Nicht für lange, denn statt zu singen kam Luther nun zur Drehorgel. Kaufte sich den Klassiker der Straße in Bremen und brachte sich das Spielen selbst bei. „Nach Gehör“, sagt der 64-Jährige.
Die Sonne meint es gut an diesem Tag. Auf dem Marktplatz sitzen die Menschen in kleinen Grüppchen verteilt, genießen ein Eis und freuen sich über die Abwechslung in Corona-Zeiten. Und als dann das typische Pfeifen das Pippi Langstrumpf Lied ankündigt, hüpfen die begeisterten kleinen Fans mal auf einem, mal auf zwei Beinen über den Platz. Unter ihnen Emilia, die 4-Jährige gilt als einer der treusten Fans von Luther und dem Leierkasten.

Alles Geld geht an den krebskranken Julian

Hinter Luther hält ein Kleinwagen, das Fenster wird herabgelassen und eine Frau reicht fünf Euro hinaus. Luther dankt und steckt den Schein in die Holzbox. Wieder etwas Geld für den guten Zweck. Denn alles was Luther einnimmt, gibt er an den 13-jährigen Julian aus der Gemeinde weiter.
Julian, der Junge hat Krebs, einen Tumor, es werde keine Heilung geben, heißt es. Doch es gibt eine Therapie, die ihm hilft: Hyperthermie. Sie wird von der Krankenkasse nicht bezahlt. Sie heilt nicht, sie verspricht jedoch Linderung und das Sammeln von Erinnerungen, die sonst der Familie nicht möglich wären. Sie verschafft Zeit für gemeinsame Erlebnisse, von denen die Familie eines Tages zehren wird. 3.000 Euro kostet diese Form der Therapie im Monat. Luther ist bestrebt, diese 3.000 Euro für Julian jeden Monat einzuspielen. Jeden Monat, solange es sein muss und kann und darf.

Die Spenden kommen zu 100 Prozent an

Es gebe viele kranke Kinder wie Julian, sagt Luther. Er selbst hat zuletzt mit unheilbar kranken Menschen gearbeitet. Bevor er für Julian spielte, war Detlef Luther für die Kinderkrebshilfe mit der Drehorgel unterwegs. Doch Julian ist das Kind aus der Umgebung, das Schicksal, das berührt. Er und seine Familie wohnen quasi nebenan. Und weil Luther so bekannt ist, vertrauen ihm die Leute, wissen, dass das Geld zu 100 Prozent ankommt.

Bis zu 100 Euro spielt Detlef Luther am Tag ein

Die Kirchengemeinde zeigt sich großzügig und „die Gemeinde unterstützt uns auch sehr“, sagt Luther, der seit Januar für Julian spielt, für ihn sogar schon auf Brandenburg-Tour war. Sofern das Wetter es zulässt, geht er raus mit der Drehorgel und spielt. 50 bis 100 Euro spielt er dann schon mal ein. „Ganz besonders rührt es mich immer, wenn Kinder etwas in die Spendenbox werfen und etwas von ihrem Taschengeld geben“, sagt der neunfache Großvater. Und dann legt er seine älteste Musikrolle von 1932 ein. Als die Klänge von „Oh mein Papa“ über den Marktplatz fliegen, so leicht, so beschwingt, schließt er wieder die Augen und wiegt sich sacht im Takt der Musik.
Wer wissen möchte, wann und wo Detlef Luther spielt, der schaut am besten bei Facebook nach. Für Julian gibt es ebenfalls eine eigene Facebook-Seite.