Natascha Grünberg gibt zweimal wöchentlich Tanzunterricht in der Falkenseer Stadthalle. Zwischen drei und zehn Jahre jung sind ihre Nachwuchstänzer. Grünberg tanzt gern mit den Kindern, weniger Freude hat sie, wenn die Kinder die Räume verlassen.
Denn die Stadthalle begrenzt den Raum zwischen Europaschule, Stadtbibliothek und Gutspark - den sogenannten Campusplatz.

Erneut Mann auf Campusplatz verprügelt

Gepflasterter Platz, an den Rändern Blumenbeete, einige Bänke, die zum Ausruhen, nicht aber zum längeren Verweilen einladen. Gegen Abend, wenn Schule und Bibliothek schließen, wird es ruhiger auf dem Platz, allerdings hält die Ruhe nicht lang. Denn der Platz ist beliebter Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene. Dann dröhnt der Bass aus verschiedenen Boxen, die Alkoholflaschen gehen rum und so manch Falkenseer meidet den Platz inzwischen.
Erst letzten Samstag wurde ein 37-jähriger Mann von zwei Unbekannten auf dem Platz geschlagen und getreten, seine Jacke mit Schlüssel, Portemonnaie und Handy geklaut.

Eine No-Go-Area in der Gartenstadt Falkensee?

Die Flaschen landen zerbrochen in den Beeten, liegen auf dem Boden, Kinder und Tiere könnten sich verletzen, was die Verursacher augenscheinlich wenig stört. Essensreste und deren Verpackung liegen herum, Vandalismus begleitet die Zusammenkünfte. „Vor etwa vier Wochen sah ich, wie ein Jugendlicher einen Einkaufswagen über den Platz schleuderte“, erzählt Grünberg. „Er wurde dabei von vier seiner Freunde angefeuert“, fährt sie fort. Sie beschreibt ihr Entsetzen, denn zur gleichen Zeit waren Eltern mit ihren drei- und vierjährigen Kindern auf dem Platz unterwegs.
Dabei äußert sie sich gleichzeitig verständnisvoll, denn: „Für die Jugendlichen gibt es hier ja nichts“, sagt sie und verweist auf die schließenden und bereits geschlossenen Jugendclubs in der Stadt. Auch sonst gibt es keine Orte, an denen sich die jungen Leute treffen können, sagt sie.

Grenzen wurden überschritten

Es hat aber auch Grenzen und die wurde überschritten, als einer der Schüler dieser Schule, unter einem Vorwand auf den Platz gelockt und dort dann von mehreren Jugendlichen geschlagen wurde, wie Grünberg berichtet. In der Folge wandte sich Grünbergs Chefin, die Schulleiterin des Leonardo-da-Vinci-Campus in Nauen, an ihre Kollegen, die Schüler und deren Eltern und riet, „den Campusplatz in Falkensee nicht unbegleitet zu betreten.“
Der Platz hinter der Stadthalle sorgt schon länger für Unruhe. Dass nun aber eine Schulleitung ihre Schüler vor diesem Ort warnt, ihn quasi zur No-Go-Area erklärt, hat eine neue Qualität und zeigt, viele Menschen fühlen sich auf dem Gelände nicht mehr sicher.

Beschwerden gibt es auch vom TSV

Grünberg schrieb dem Bürgermeister der Stadt, Heiko Müller (SPD), eine E-Mail, in der sie ihre Erlebnisse schildert und mit der dringenden Bitte, für Abhilfe zu sorgen. Nicht der erste Hinweis dieser Art, sagt Grünberg und verweist auf den in der Stadthalle ansässigen TSV, auch Mitglieder dieses Sportvereins hätten sich über die Umstände in der Verwaltung beklagt.
„Stimmt“, sagt Birgit Faber, geschäftsführender Vorstand des Vereins. Mehrfach habe sie den Bürgermeister auf die Situation angesprochen. Spätestens wenn es dunkel wird, kommen die Jugendlichen und dann wird es laut. So laut, dass Yoga in den Sporträumen kaum noch möglich ist. „Allerdings wäre es absolut nicht richtig, jetzt nur auf die Jugendlichen einzuprügeln“, stellt sie klar. Die hätten durch Corona viele Einschränkungen hinnehmen müssen.
„Wir nehmen den jungen Leuten gerade ihr Lebensgefühl“, fügt sie hinzu und auch sie gibt zu bedenken, dass die Möglichkeiten für Jugendliche in der Stadt überschaubar sind. Von Verboten, sagt sie, halte sie gar nichts. Ein Alkoholverbot, wie es der Bürgermeister vorschlug, lehnt sie ab. „Leider denkt der Bürgermeister nur in Verboten“, sagt sie und wünscht sich, man würde es mit Kooperation versuchen.
Und auch in der Stadtbibliothek kennt man die Auswirkungen der jugendlichen Versammlungen. Beschmierte Tür und Briefkasten gehören zu dem, was nach den Versammlungen zurückbleibt.

Kein gefährlicher Ort laut Polizei

Das der Campusplatz gern von Jugendlichen aufgesucht wird und es hier immer wieder zu Zwischenfällen kommt, ist der Polizei bekannt, so die Auskunft auf eine entsprechende Anfrage. Die zuständige Polizeidirektion führt hierzu keine Kriminalstatistik. Auskunft geben kann man über Einsatzahlen, die sind aber nicht gleich der aufgenommenen Strafanzeigen. Im Jahr 2018 gab es 29 polizeiliche Einsätze auf dem Platz, ein Jahr später wurden sechs mehr, also 35, registriert. Bei den Einsätzen ging es unter anderen um mutmaßliche Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und Ruhestörungen. Der Ort werde regelmäßig vom Streifendienst aufgesucht, heißt es weiter.
Auch in der Stadtverwaltung weiß man, dass sich auf dem Platz regelmäßig Jugendliche treffen. Das Areal habe sich „nach seiner grundhaften Umgestaltung tatsächlich zu einem Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene entwickelt. Das ist grundsätzlich auch ein Ziel der Stadtentwicklung gewesen“, heißt es hier auf Anfrage.
Ordnungsamt, Polizei und ein privater Sicherheitsdienst sind regelmäßig auf dem Platz unterwegs. Die Maßnahmen wurden verstärkt, nachdem es zu weiteren Hinweisen aus der Bevölkerung kam. Eine besondere Gefahrenlage schließt die Stadt, nach wie vor aus. Polizei und Ordnungsamt bestätigen dies.

Prioritäten angezweifelt

Für Faber und Grünberg ist das etwas dünn. Faber berichtet über Polizeistreifen am Mittag. Grünberg sieht die Situation weiterhin als brenzlig an und ist verärgert. Zu dieser Jahreszeit sind bereits die Nachmittage für sie und die Kinder auf dem Platz problematisch. „Ich bin fassungslos“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Wieso gibt es hier kein Sicherheitskonzept? Als der Vereinssport durch die Corona-Beschränkungen für November verboten wurde, da wurden gleich am Montag die Schlösser zu den Sporthallen ausgetauscht. Hier erfolgte die Reaktion umgehend“, sagt sie.
Die Stadt bestätigt den Austausch der Schlösser, der Schulsport ist nach wie vor möglich. Begründet wird der Schritt mit dem Verstoß einzelner Vereinsmitglieder bei der letzten Schließung der Hallen für den Vereinssport. Grünberg fragt derweil, was muss auf dem Platz passieren, damit eine schnelle und nachhaltige Reaktion der Stadt erfolgt?