Die erste Preisverleihung soll Auftakt sein für die nun jährlich stattfindende Ehrung. So wurde auf Schloss Ribbeck der Kulturpreis 2018 verliehen und damit Raum gelassen für eine weitere Preisverleihung 2019. Dotiert ist der Preis mit 3.000 Euro, die sich am Ende zwei Preisträger teilen mussten. Neben der vielleicht ältesten Rock-Band Brandenburgs, den „Sugar Beats“ aus Grünefeld, einem Ortsteil von Schönwalde-Glien, wurden auch die „Kulturversorgerinnen“ Gabriele Konsor und Birte Hoffmann aus Strodehne (Havelaue) ausgezeichnet.
Kein bisschen leise
Was ist schon der „Summer of 69“? Es war der Sommer 1963, an Bryan Adams und seine Hymne auf den 69er Sommer war noch gar nicht zu denken, da entstand die Idee zur Band. Im Gasthof „Falkenberg“, im havelländischen Grünefeld, hörten fünf, damals zwischen 14 und 17 Jahre alte Jungs, den Song „Memphis Tenessee“ von Johnny Rivers, der später auch von den Rolling Stones, Lonnie Mack und The Animals interpretiert wurde. Die Burschen Hatty, Sonny, Dieter, Swatzy und Fritze waren sich einig. „Das müsste man auch können“, beginnt Bruno Kämmerer, Geschäftsführer im Stiftungsrat, seine Laudatio auf die fünf Alt-Rocker.
Bereits im folgenden Sommer hatten sie, ganz im Zeitgeist der 60er Jahre, ihren ersten Auftritt als Band. Die Sugar Beats waren geboren. Ihr Auftritt hinterließ Eindruck, bereits nach ihrem ersten Gig hatten sie eine Fangemeinde gefunden. Für ihre ersten Auftritte schmissen sie sich noch in Schale, wie die „Lords“, mit schwarzer Weste und Zylinder. Ihr Image änderten sie bald, grell bunt, in geblümten Hemden und Hosen traten sie nun auf die Bühne. Die Musik laut, rockig, englischsprachig.
Der frühe Punk-Look mit Hippie-Einschlag brachte der Band schon bald Probleme. Salopp gesagt: In der DDR, genauer im Politbüro, fand man das gar nicht lustig. Nach den Ausschreitungen infolge eines Rolling-Stones-Konzert in der West-Berliner Waldbühne, im Oktober 1965, war dann auch erstmal Schluss mit Lustig. Beatmusik wurde verboten, den Bands dieser Musikrichtung die Lizenz entzogen.
Echte Rebellen wie die Sugar Beats ließen sich davon nicht beeindrucken. Sie verstießen damit gegen einige Regeln. Eine davon lautete, wenn Musik gespielt wurde, musste 60 Prozent der musikalischen Beiträge aus dem Osten kommen. Die Sugar Beats wollten aber lieber die anderen 40 Prozent spielen und taten dies auch. Englischer Bandnamen, englischsprachige Musik, das Outfit, das blieb im Sozialismus nicht unentdeckt und folgenlos.
Zunächst musste die Band ihren Namen ändern. Fortan hießen sie „FARAGUS“. FA stand für Falkenberg, RAGUS für sugar rückwärts gelesen. Es gab personelle Umbesetzungen, der Wille sich nicht unterkriegen zu lassen, der blieb. Der Druck auch. Mit der Zusage sich einen neuen Bandnamen zulegen zu dürfen, traten sie unter diesem neuen Namen nur einmal auf. „Die Namenlosen“ feierten Prämiere und Abschied zusammen, die Provokation wurde teuer bezahlt.
1972 trennte sich die Band schließlich. Um mit dem Mauerfall aufzustehen wie Phönix aus dem Aschehaufen. Die Band ist fester Bestandteil der Grünefelder Musikgeschichte, nahm 2002 eine CD auf, tourte durch Deutschland und trat im Rahmen eines kulturellen Austauschs im legendären Liverpooler „Cavern Club“ auf. Zuletzt heizten sie bei den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum des Landkreises dem Publikum ein.
Die Sugar Beats, wie sie jetzt wieder heißen, haben damit nicht nur ein Kapitel Musikgeschichte geschrieben, sie zeigten auch Mut im Sozialismus, stellten sich mit Kunst gegen ein Regime. Mehr zur Geschichte der Band kann in Ulrich Plenzdorfs Roman „Ketzer Jugend“ nachgelesen werden.
Im Schloss Ribbeck nahmen Norbert Wolf (Gitarre), Klaus Schilling (Bass), Dieter Franke (Schlagzeug), Bodo Ritschel (Keybord) und Sänger Bernhard Sonnemann den 1. Kulturpreis Havelland entgegen.
24 Bewerbungen
Neben den Sugar Beats haben auch die Kulturversorgerinnen Gabriele Konsor und Birte Hoffmann die Auszeichnung erhalten. Unter dem Label „Strodesign“ haben sie der Kittelschürze ein neues und frisches Leben eingehaucht. In Strodehne kann ihre Kittelschürzenausstellung bewundert werden. In dem 240 Seelen Dorf sind die beiden Künstlerinnen mit verschieden Installationen und Aktionen präsent. Sie holen die Welt ins Dorf und tragen sie auch hinaus, noch in diesem Jahr geht es nach Schottland. Motto: Kittelschürze meets Schottenrock.
Insgesamt 24 Bewerbungen hatten dem vierköpfigen Jury-Team vorgelegen. „Und sie alle hätten den Preis verdient“, sagt Kämmerling. Für die Jury-Mitglieder Nina Omilian, Sonja Herrmann, Anette Göschel und Petra Lange keine einfache Entscheidung, an deren Ende dann eben zwei, statt wie geplant, einem Preisträger die Trophäen überreicht wurden. Das Preisgeld von 3.000 Euro wurde geteilt.
Very good Unterhaltung
Musikalisch und mit Parodien gewürzt unterhielten Marian Lux am Flügel und die aus den USA stammende und seit 27 Jahren in Deutschland lebende Gayle Tufts die Gäste der Preisverleihung. Die 58-jährige Tufts verzauberte mit ihrer virtuosen Stimme und mit ihrem scharfsinnigen und feingeschliffenen Humor, das Ganze in „ihrer“ Sprache, Denglisch, vorgetragen. Die Sugar Beats hätten sie musikalisch gern unterstützt, hatten ihre Instrumente aber nicht dabei. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn der Kulturpreis des Havellandes verliehen wird. Süße Beats, in Kittelschürze präsentiert, klingt auch preisverdächtig.