Von wegen, Gemüse ist langweilig. Gemüse, Obst und frische Kräuter schmecken Klasse, sind gesund und erst recht, wenn es selbst angebaut, der Same in die Erde gesteckt, der Pflanze beim Wachsen zugesehen und die Früchte knackfrisch geerntet und verspeist werden.
Diese Erfahrung machen seit dem letzten Jahr die Kinder der Kita Zwergenburg in Brieselang. Sozusagen im Burghof wurde von den Kindern, deren Eltern und den Erziehern Platz für einen Acker geschaffen. Mithilfe der „Gemüse Ackerdemie“ bewirtschaften die Junior-Landwirte von Morgen schon heute ihren Acker.  

Gemüse Ackerdemie ist einer von vielen Bausteinen

Annette Pöhlmann leitet die Kita seit etwa anderthalb Jahren. Sie brachte die Idee des Obst- und Gemüseanbaus mit in ihre neue Wirkungsstätte, in der rund 100 Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren betreut werden, mit. „Nur einer von vielen Bausteinen“, sagt sie.

Nahrungsmittel selbst anbauen

Die Zwergenburg gehört zur Fröbel-Gruppe. Der Schwerpunkt in der Zwergenburg wird auf Natur- und Naturwissenschaften und nachhaltige Bildung gelegt. Nahrungsmittel selbst anbauen, das Feld bestellen, die Pflanzen hegen und pflegen und hinterher ernten, was man sät, passt gut ins Konzept, befindet Pöhlmann. Mit der „Gemüse Ackerdemie“ arbeitet der Träger bereits an anderer Stelle zusammen, berichtet Pöhlmann weiter. 656 Kitas und Schulen haben 2020 mit der „Gemüse Ackerdemie“ ihr Feld beackert. Oder auch rund 28.000 Kinder hat die Ackerdemie auf den Acker und damit auch ans Gemüse bekommen.

Früchte der eigenen Arbeit schmecken besser

Denn wie Erzieher Constantin Peter zu berichten weiß, ist Grünes auf dem Teller bei Kindern oft nicht so der Hit. Es sei denn, sie haben es selbst gepflanzt, das Beet gejätet, gewässert, die zarten Blättchen vor gefräßigen Käfern und Schnecken bewahrt, vor zu viel Sonne geschützt und am Ende die Früchte der Feldarbeit geerntet. Dann sind Salat, Kohlrabi, Rhabarber und Zucchini ein Gaumenschmaus, der mit viel Stolz und großen Glücksgefühl vertilgt wird.  
Damit am Ende knackige Tomaten in der Schüssel und farbenfroh leuchtender Mangold im Beet steht, begleitet die „Gemüse Ackerdemie“. 2014 wurde das Sozialunternehmen „Gemüse Ackerdemia e.V.“ gegründet. Ziele sind Wertschätzung für Lebensmittel und die Natur zu fördern.

Gezeichnete Figuren erklärten Kindern die Arbeit

Die „Gemüse Ackerdemie“ liefert die Startvoraussetzungen. Das fange mit der Untersuchung des Bodens auf der Ackerfläche an, erzählt Pöhlmann. Und geht weiter mit der Lieferung der Jungpflanzen. Erzieher und Kinder werden beim Ackern fortwährend begleitet. „Die „Gemüse Ackerdemie“ hat uns sehr gut begleitet“, sagt die Kitaleiterin und erzählt von Willi Wurm, Kalle Kartoffelkäfer und Sara Salat, gezeichnete Figuren in Büchern der Ackerdemie, die den Kindern die Arbeit auf dem Feld erklären.
Für das kommende Ackerjahr hat Pöhlmann eine stattliche Anzahl an kleinen Samentüten zusammengestellt. Dass heute anfangen muss, wer morgen ernten möchte, gehört zu den Dingen, die die Kinder hier lernen sollen. Und vieles mehr.

Ackerbau und Insektenwiese

Erzieher Constantin Peter ist der Chef auf dem Feld der Zwergenburg. Der Acker ist sein Projekt, ebenso wie die Werkstatt. Gut so, denn so konnte recht schnell ein Komposthaufen-Häuschen gezimmert werden. Neben den acht Gemüsebeeten gibt es ein kleines Erdbeerfeld, eine Beerenhecke, eine Reihe Kräuter in Töpfen und eine Streuobstwiese.
Und da für den Ackerbau die fleißigen Insekten unerlässlich sind, eine Wildwiese. Hier hat Peter bereits viele verschiedene Wildbienenarten gesichtet. Imkern mit den Kindern, das wäre noch so ein Projekt nach seinem Geschmack. Hier müssten die Details aber erst einmal geklärt werden, sagt Pöhlmann.

Igel-Projekt geplant

Die Wiese zieht nicht nur Insekten an, auch Igel waren neulich zu Besuch. Zusammen mit dem NABU plant Pöhlmann ein Igel-Projekt. Im Winter möchte Peter mit den Kindern eine Wetterstation bauen. Denn was ist für den Bauern wichtiger als das Wetter? Richtig, es vorhersagen zu können.
Der Acker ist ein Baustein. Langsam wird klar, was Pöhlmann damit meint, denn tatsächlich wachsen hier nicht nur Chinakohl, Bohnen und Süßkartoffeln, sondern auch viele weitere Ideen. „Das Prinzip ist ganzheitlich: säen, pflegen, ernten“, sagt Peter. Und auch, was es alles braucht, damit geerntet werden kann.

Zauberstaub gegen Schnecken

Fast schon selbstverständlich, dass hier kein Kunstdünger oder Pestizide zum Einsatz kommen. Stattdessen wird gemulcht und Brennnesseljauche angesetzt. Kinder könnten sich sogar für deren strengen Geruch begeistern, sagt Peter. Gegen Schnecken hilft sogenannter Zauberstaub. Der besteht hauptsächlich aus Asche und wie das so ist, wenn Märchenwesen im Spiel sind, wird der Rest nicht verraten. Nur soviel, Schnecken schmeckt der Zauberstaub nicht. Menschen auch nicht, sie spülen ihn einfach ab, giftig ist er nicht.

Besser unter Anleitung als allein

Constantin Peter sagt: „Ich will, dass die Kinder zukunftsfit werden.“ Dazu gehört für ihn das Wissen, wie man Lebensmittel anbaut und auch der sichere Umgang mit Werkzeug. Mit dem Messer einen Ast schnitzen, mit der Schaufel graben und die Harke sicher nutzen und abstellen, gehören dazu. Besser unter Anleitung als allein probiert, ist die Devise. Sie geht offenbar auf, größere Verletzungen gab es noch nicht zu beklagen.

Wissen bringt Kinder näher an Großeltern

Dieses Wissen um die Früchte und Pflanzen bringt die Kinder oft näher an die Großeltern, berichtet Peter. Denn sie können noch Obst und Gemüse einkochen oder etwas Neues aus etwas Alten zaubern.

Nachhaltigkeit wird in die Familien getragen

Mit der Elterngenration ist das oft etwas schwieriger, haben Pöhlmann und Peter beobachtet, wenn die Kinder nach einer Reparatur fragen statt einer Neuanschaffung. Wenn sie nachhaltig produzierte Lebensmittel möchten statt Industrieware. Wenn sie den Konsum hinterfragen, trägt sich das Erlernte in die Familien. Nicht alles wird dort auch umgesetzt. Aber es wird besprochen, wie ein Samen weitergetragen, fällt hier und da auf fruchtbaren Boden und keimt erneut aus.