Seit fast 25 Jahren leben Waltraud und Jürgen Rosenbusch in ihrem Häuschen im Wustermarker Ortsteil Priort. Fledermäuse gehören für das Paar zum Sommer, dann ziehen sie mit Einbruch der Dunkelheit ihre Runden, kreisen besonders gern um Laternen, jagen Insekten und beeindrucken mit ihren kunstvollen Flugmanövern.
Die Tiere, da war sich Waltraut Rosenbusch sicher, lebten irgendwo in der Nachbarschaft. Doch dann beobachtete sie, wie die kleinen Flugkünstler aus ihrem Haus, besser aus der Wandverschalung, krabbelten.

25 Fledermäuse krochen aus der Hauswand

Wenn sie davon erzählt, kann man sich gut vorstellen, wie sie laut und deutlich nach ihrem Mann rief. Eine Vorstellung, die sie, kaum ausgesprochen, lachend bejaht. Da krochen also nun so um die 25 Fledermäuse aus ihrer Hauswand. Fledermäuse, bis vor Kurzen noch faszinierend, waren nun unheimlich.
Das Paar überlegte, was nun zu tun sei und sie wandten sie an Sylvia Gehrke. Von ihr wussten sie, dass sie sich für den Ausbau des örtlichen Storchenhorstes eingesetzt hatte. Vielleicht wüsste Gehrke dann auch etwas über Fledermäuse?

NABU-Experte kommt zur Aufklärung

„Nein“, sagt Sylvia Gehrke, „von Fledermäusen wusste ich bis dahin auch nicht viel.“ Doch Gehrke wusste, an wem sie sich wenden könnte. Klaus Thiele ist Fledermaus-Experte des NABU und lebt in der Region. Mit seinem umfangreichen Wissen machte er aus dem Ehepaar Rosenbusch Fledermaus-Fans. Er besuchte sie in ihrem Haus und stellte ihnen die neuen Mitbewohner in Ruhe vor.

Angst vor Ungeziefer und Krankheiten

„Ich hatte Angst, die Fledermäuse bringen Ungeziefer mit. Oder sie stecken uns mit Corona an“, sagt Waltraud Rosenbusch. Diese Ängste konnte Thiele ihr nehmen. Denn die in Deutschland heimischen Fledermäuse übertragen nicht das aktuell wütende Corona-Virus. Vorsichtig sollte man dennoch sein, sagt Thiele. Denn es könnte genau andersherum verlaufen. „Die Fledermaus wird durch einen Menschen infiziert“, sagt Thiele.

Funke springt bei Berührung über

Grundsätzlich gilt, Wildtiere gehören ohne Not nicht angefasst. Einfangen darf sie auch nicht jeder. Anders als der Fledermaus-Experte. Und tatsächlich fing er einen der kleinen Untermieter, zur Vertiefung der Bekanntschaft, ein. Wenn Waltraud Rosenbusch von dem Moment erzählt, als sie den Winzling streicheln durfte, strahlen ihre Augen.

Mücken sind ihr Lieblingsfutter

Klein sind sie wirklich, die Mückenfledermäuse. Erst seit den 1980er Jahren hat man in ihnen eine eigenständige Art erkannt, erklärt Thiele. Davor zählte man sie zu den Zwergfledermäusen. 25 Fledermausarten sind in Deutschland heimisch. Erstaunliche 1.200 Arten gibt es weltweit.
Der Name Mückenfledermaus kommt nicht von ungefähr. Die kleinen Insekten gehören zum Lieblingsfutter der fliegenden Säugetiere. Tatsächlich bestätigt Waltraut Rosenbusch, kaum von Mücken geplagt worden zu sein in diesem Jahr. Auch für Sylvia Gehrke sei die Tuchfühlung mit der Fledermaus ein ganz besonderes Erlebnis gewesen, sagt sie.

Fledermäusen fehlt der „Kuschel-Faktor“

Fledermäuse haben es mit dem Menschen nicht so ganz leicht. Es gibt Tiere, die wecken eher die Sympathie der Menschen. In Spukgeschichten müssen sie als Vampire herhalten. Blutsaugende Fledermäuse gibt es hierzulande aber genauso wenig, wie Vampire im Allgemeinen. Sie haben vielleicht keinen Knuddel-Faktor, interessant sind sie allemal - und gefährdet.

Streng geschützt

„Alle Fledermausarten sind streng geschützt und bei allen Arten nehmen die Bestände ab“, erklärt Thiele. „Wir haben leider viele Schlagopfer an Windkraftanlagen. Technisch wäre es möglich, die Anlagen des Nachts abzustellen, dort wo man weiß, dass Fledermäuse unterwegs sind. Wird aber leider kaum gemacht“, sagt Thiele. Versiegelte Flächen, der Mangel an Insekten - alles schlecht für die Fledermäuse.  

Kein Schaden am Haus - Bleiberecht für Flugsäuger

Helfen könnte den Fledermäusen mehr naturnahe Gärten, in den es viele Insekten gibt und Nistmöglichkeiten. Das kann die alte Baumhöhle sein oder der Fledermauskasten. Oder die Aufnahme der Untermieter, wenn sie sich dann häuslich einrichten. „Unter der Wandverschalung ist kein Schaden entstanden“, sagt Jürgen Rosenbusch. „Wir hatten keine Einschränkungen und auch kaum Dreck“; sagt seine Frau. Dafür sehr interessante Abende auf der Terrasse, die sie wie all die Sommer davor nutzen konnten.
Inzwischen sind die tierischen Untermieter verschwunden und in ihre Winterquartiere aufgebrochen. „Wir hoffen, dass sie im nächsten Jahr wiederkommen“, sagt Waltraud Rosenbusch. Thiele nickt: „Das wäre möglich.“ In Waltraud Rosenbuschs Augen tritt wieder dieses Leuchten.