Ein Spaziergang im Wald kann Erholung sein, Abenteuer oder beides. Auf jeden Fall ist der Aufenthalt unter Baumkronen gesund, der Blutdruck sinkt, die frische Luft belebt Lunge und Geist, das Immunsystem wird gestärkt. In Japan wird gestressten Stadtmenschen der Besuch des Waldes von Ärzten verordnet.
Waldbaden nennt sich diese freundliche Therapie. In den Schatten des Waldes eintauchen, heißt, aufgenommen werden, heißt Teil eines Lebensraumes werden, wenn auch nur auf Zeit. Bäume stellen keine Fragen.

Holz bessert Stadtkasse von Nauen auf

Die Frage, wie viel all dies wert ist, stellt Tobias Mainda. Mainda kommt aus Nauen, studiert Naturschutz und der Grund für seinen Berufswunsch liegt auch im Nauener Stadtforst. Kindheit und Jugend hat er unter anderem zwischen den Bäumen verbracht, die zum Stadtforst der Funkstadt gehören. Deren Rohstoff Holz bessert die Stadtkasse auf.
Die Kriterien, nach denen der Forst bewirtschaftet wird, würden dem Streben nach Gewinn unterliegen, nicht den Ansprüchen der Natur oder Bedürfnissen der Waldbewohner, sagt Mainda und fragt: „Muss ein Wald tatsächlich Gewinne abwerfen und wie viel sind die Qualitäten eines Waldes, fernab von dem was sich verkaufen lässt, wert?“

Kiefer dominiert im Stadtforst

Der rund 1.000 Hektar umfassende Stadtforst liegt nördlich der Stadt Nauen. Mit 42 Prozent dominiert die Kiefer im Wald, macht also fast die Hälfte des Baumbestandes aus. Auf Platz zwei rangiert, mit 16 Prozent, die Eiche. Birken und Buchen, Lärchen und Fichten machen zusammen 20 Prozent aus.
Die vergangenen drei Jahre hätten dem Stadtforst sehr zugesetzt, sagt Stadtförster Thomas Meyer. Es regnete zu wenig, dies kostete den Bäumen ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingen wie dem Borkenkäfer. Neben Buchen, Eichen, Kiefern und Lärchen will Meyer auch mit Roteichen und Douglasien aufforsten. Er begründet die Wahl der Arten mit dem Klimawandel.
Aber gerade die aus Nordamerika stammende Douglasie passe nicht in den Nauener Forst, findet Tobias Mainda. Der Nadelbaum wächst schnell und das Holz von Nadelbäumen ist gefragt. Mainda glaubt, dass die Wahl von Bäumen wie Douglasie und Roteiche nicht von Vorteil für den Wald ist, sondern für die Stadtkasse.

Stadtforst teilweise FFH-Gebiet

Dass die Bedürfnisse des Waldes den Vorrang haben sollten, sieht nicht nur Mainda so. Ein Teil des Stadtforstes ist der sogenannte Leitsakgraben, das Gebiet ist als Fauna-Flora-Habitat (FFH) ausgewiesen. Damit steht es unter Schutz. Eine Verschlechterung des Zustandes darf nicht herbeigeführt werden, besagt die FFH Richtlinie Natura 2000 der EU.
Eine solche Verschlechterung sei beispielsweise eingetreten, als auf dem Gebiet Bäume gerodet und der Boden anschließend gepflügt wurde, sagt Mainda. Mit dem Fällen der Bäume verloren geschützte Arten, wie zum Beispiel darin lebende Käfer und Fledermäuse, ihr Zuhause. Die auf ihre Umgebung angepassten Arten verschwinden mit den Bäumen. Sind sie einmal weg, kommen sie nicht einfach zurück.

Käfer als Anzeiger eines intakten Waldes

Mainda ist regelmäßig im Nauener Stadtforst unterwegs, der Käfer wegen. Denn denen gilt seine eigentliche Aufmerksamkeit, Käfer als Indikator für ganze Lebensräume. „Käfer findet man auf allen eisfreien Landmassen. Für den Wald sind sie enorm wichtig, sie räumen auf, graben um“, erklärt er.
Damit Käfer sich im Wald wohl fühlen, muss dieser Bäume unterschiedlicher Art und Alters haben. Junge Bäume, alte und tote Bäume gehörten dazu. Und: „In einem naturnahen Wald, unter normalen Bedingungen, kann keine Art dominant werden. Das gilt auch für Borkenkäfer“, sagt Mainda. Die große Zerstörung durch den Borkenkäfer offenbart für Mainda die Lücken in der Waldwirtschaft, so wie sie in Nauen betrieben wird.

Stadt will gegen Naturschutzgebiet klagen

Seine Kritik äußert Mainda nicht zum ersten Mal. Bisher meist erfolglos, doch nun sieht er einen Funken Hoffnung für den Wald. Denn Teile des Stadtforstes wurden im September als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Damit gelten für etwa ein Drittel des Stadtforstes nun die Vorgaben einer eigenen Naturschutzverordnung.
Lange hatte sich die Stadt Nauen dagegen gewehrt und Einwendungen erhoben. Die Stadt hat nun ein Jahr Zeit, um Rechtsmittel einzulegen. Und die Zeit will man im Rathaus nutzen. Der Bürgermeister der Stadt, Manuel Meger (LWN), bereitet derzeit den Klageweg vor, wird auf Anfrage mitgeteilt. Denn Verwaltung und Stadtförster gehen von einer Unverhältnismäßigkeit gegenüber dem Waldeigentümer aus.
Für Tobias Mainda kommt das nicht unerwartet, verstehen kann er es nicht. „Das ist gegen den Zeitgeist, gegen alles, was wir gelernt haben sollten“, findet er. Natürlich ist das Halten der Balance schwer, fügt er hinzu, aber machbar. Und dann hat er noch eine Idee. Wenn schon mit dem Wald Geld verdienen, warum dann nicht mit den lebenden Bäumen? „Wir haben hier touristische Schätze. Die müssen nur gehoben werden“, sagt er. „Im Wald findet sich immer etwas Spannendes. Im Wald ist immer was los.“