Da tauchte im Herbst letzten Jahres dieser hilflose Igel auf und Alexandra Livet stellte sich die Frage, wie dem Stachelritter helfen. Sie suchte Hilfe. „Doch auf allzu viele Angebote stieß ich dabei nicht“, erinnert sie sich zurück. Livet begann, sich in Sachen Igel-Pflege zu bilden und als würde sich das herumsprechen, trat kurz darauf der zweite Igel in ihr Leben. Ein Jahr ist das nun her, inzwischen hat Livet ihre Initiative „Igelritter“ gegründet, der sich vier ehrenamtliche Igel-Pflegerinnen angeschlossen haben. Gemeinsam haben sie das Schicksal von 87 Igeln zum Besseren gewendet.

Igel leben gefährlich - Straßen und Mähroboter sind ihre Feinde

Livet erklärt, wie gefährlich die moderne Welt im Havelland für Igel ist. Da sind zum einen die fehlenden und knapper werdenden Lebensräume. Straßen und Autos gehören zu den potentiellen Gefahren. Die deutsche Wildtierstiftung schätzt, eine halbe Million Igel sterben jährlich auf unseren Straßen.
Im englischen heißt der Igel Hedgehog, was so viel wie Heckenschwein bedeutet. Ein Name, der bereits viel über den bevorzugten Lebensraum verrät. Doch außerhalb der Ortschaften werden sie immer seltener, die Sträucher und Hecken, in denen Igel nisten können. Sie folgen den Menschen in ihre Gärten und Parkanlagen, weshalb sie auch als Kulturfolger bezeichnet werden. Doch gerade in ihren Gärten haben Menschen oft das, was Livet einen „Aufräumfimmel“ nennt.

Aufgeräumte Gärten bieten keinen Platz für Igel und Insekten

Der eifrige Gärtner schneidet derzeit die Stauden herunter, harkt das Laub ein oder schlimmer noch, pustet es mit dem Laubbläser davon. Weder hat der Igel noch die Möglichkeit, sich ein Winterquartier zu suchen, noch seine bevorzugte Nahrung, Insekten, kann so den Winter überstehen. Laubbläser pusten nicht nur das wärmespendende Laub weg, sie töten auch die Insekten.
Vom Insektensterben, zumindest bei den Fluginsekten, wissen wir seit der Veröffentlichung der Krefelder Studie. In dieser Studie war ein Rückgang von 76 bis 82 Prozent der Fluginsekten-Biomasse im Zeitraum von 1989 bis 2016 nachgewiesen worden. Pflanzenschutzmittel tun ihr übriges, töten entweder die Nahrung der Igel oder sie selbst, indem sie die Pestizide mit den Insekten fressen.

Igel mit weniger als 500 Gramm brauchen Hilfe

Jetzt, im Herbst, sind es überwiegend zu kleine Igel, deren Gewicht nicht für den Winterschlaf ausreicht, die bei Livet und ihren Mitstreitern landen. Igel halten Winterschlaf, weil das natürliche Nahrungsangebot im Winter nicht ausreicht. Dabei verlieren sie 20 bis 40 Prozent ihres Körpergewichts. Ein gutes, fettes Startkapital für den Winterschlaf ist also unerlässlich. Igel, die jetzt weniger als 500 Gramm auf die Waage bringen, gehen mit zu wenig Reserven in den Winterschlaf. Sie werden als hilfsbedürftig eingestuft.

27 Igel sind derzeit in Pflege

Elf Igel päppelt Livet gerade in ihrem Haus in Elstal auf. 27 Igel haben die Igelritter Elstal derzeit insgesamt in Pflege. Zu kleine Igel, verletzte Tiere oder wie Otto, eingeschränkt durch eine Behinderung. Otto ist blind, bringt 540 Gramm auf die Waage und gehört zu Livets Schützlingen im Haus. Dazu kommen diverse Igel, für die die Naturschützerin Igel-Unterkünfte in ihrem Garten angelegt hat.

Garten Igel-freundlich eingerichtet

Ein Spaziergang durch den naturnahen Garten ist ein bisschen wie Ostereiersuchen. Statt Schoko-Eier gibt es unter fast jedem Busch ein Igel-Haus. Jedes ein Unikat, gebaut aus Holz, Ziegel, Dachschindeln, was halt so da sei, sagt Livet. Um sie herum blühen die Astern, abgeschnitten ist hier nichts und während sich andere Leute das Laub abfahren lassen, ließ sie sich zwanzig Säcke von der Gemeinde anliefern.
Livet zeigt auf die Löcher im Zaun, wichtig, damit die Igel gefahrlos von einem Garten in den nächsten wechseln können. Neben den Igelunterkünften Marke Eigenbau kann man hier viele verschiedene Vogelhäuschen und ein eindrucksvolles Insektenhotel bestaunen.

Auf Nachfrage kann man zu Besuch kommen

Unnötig zu erwähnen, dass Livet keine Pflanzenschutzmittel einsetzt. „Wenn Blattläuse da sind, kommen die Marienkäfer“, kommentiert sie Vorgänge im Garten. Sie schwärmt von den vielen unterschiedlichen Insekten, die sich in ihrem Garten tummeln. Auf Nachfrage zeigt sie ihren Garten gern. Besonders Kinder hätten Freude am Entdecker-Garten, der so viel mehr Abenteuer zu bieten hat als Rutsche und Schaukel auf raspelkurz gemähter Wiese.  

Verletzte Tiere werden oft nicht gefunden

Das häufige Rasenmähen - auch schlecht für die Insekten. Ganz schlimm sind die Mähroboter. Sie häckseln mit dem Gras gleich Käfer, Würmer und Schnecken und sie verstümmeln Igel, die in Hecken schlafen. Solche Geräte sollten, wenn schon nicht darauf verzichtet werden kann, nur am Tag zum Einsatz kommen, sagt Livet. Die verletzten Tiere werden oft gar nicht bemerkt, die Besitzer der Maschinen sehen nicht, was diese anrichten.
Schlimme Verletzungen kennt Livet auch durch die Nutzung von Rasentrimmern und Motorsensen. Tödliche Fallen können Gruben und Kellerschächte sein. Die Tiere stürzen hinein und kommen nicht mehr hinaus, gleiches gilt für Pools. Ausstieghilfen können hier lebensrettend sein. Wer im Herbst Laub und Holz liegen lässt, um es im Frühling zu verbrennen, sollte den Haufen vorher ordentlich durchsehen. Sonst kann aus dem Osterfeuer schnell ein Scheiterhaufen für Igel, Spitzmaus und Wildkaninchen werden.

Igel sind keine Haustiere

Was tun, wenn der Igel vor dem Haus sitzt? Erst mal vergewissern, braucht das Tier Hilfe. Ein 500 Gramm schwerer Igel ist in etwa so groß wie eine durchschnittliche Mango. Igel, die sich am Tage blicken lassen, können hilfsbedürftig sein, verletzte Tiere ohnehin. Rollt der Igel sich nicht ein, kann das ebenfalls ein Hinweis auf Hilfsbedürftigkeit sein. Igel mit Handschuhen oder in waschbaren Stoff gewickelt vorsichtig aufnehmen. Einen wildtierkundigen Tierarzt aufsuchen.
Der Tierarzt sei immer die erste Wahl, denn auch die Igelritter suchen immer ärztliche Hilfe auf. Den Igel dann in sachkundige Hände zur Pflege geben. „Igel sind keine Haustiere“, sagt Livet. Und die Mitnahme von Wildtieren muss auch immer gut begründet sein. Die Tiere haben spezielle Ansprüche an Futter und Pflege. Ziel ist immer die Auswilderung. Und auch dafür braucht es eine artgerechte Umgebung.

Ehrenamtliche freuen sich auf weitere Unterstützung

Die Igelritter tragen ihren Namen in Anlehnung an die auch Stachelritter genannten Igel und weil sie sich selbst mit Ritterherz der Igelpflege angenommen haben. Die Ehrenamtlichen freuen sich über Unterstützung, weitere Pflegestellen und Auswilderungsgärten sind willkommen. Sonstige Möglichkeiten der Unterstützung sind auf der Amazon-Liste der Igelritter einzusehen. Besuchen kann man die Igel auf der Internetseite der Igelritter, sowie auch auf Facebook und bitte nur dort. Die Igel befinden sich in Pflege, weil sie Hilfe benötigen. Die nachtaktiven Tiere sollen nicht zu sehr an die Menschen gewöhnt und schnellstmöglich in die Freiheit entlassen werden.