Das Schild, das auf das Naturschutzprojekt hinweist, glänzt nagelneu in der Sonne. Bund und Land haben sich finanziell an der Revitalisierung der Schmelzwasserrinne Quermathen, einem Ortsteil von Nauen, beteiligt, so erfährt man hier. Was das Schild nicht verrät, ist, dass es die Einwohner des kleinen Ortes waren, die die Bagger ins Rollen brachten. Die Menschen in Quermathen wollten zurück, was einige von ihnen von früher kannten.

Früher in der Schmelzwasserrinne Schwimmen gelernt

Das berichtet Fred Meister, Naturschützer und Vorstand im NABU Osthavelland. Denn so manche der älteren Einwohner erinnerten sich in den Kleingewässern, auch Pfuhl genannt, Schwimmen gelernt zu haben. Und so wandten sie sich an den NABU Osthavelland, mit der Bitte, zurückzuholen, was verloren ging.  
Der NABU Regionalverband Osthavelland und die Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg hatten im letzten Jahr den Fuchspfuhl bei Tremmen renaturiert. Eines der wenigen Kleingewässer, das noch ausreichend Wasser führe, wie Meister erklärt. Denn einst gab es viele dieser Kleingewässer in der Region. Die eiszeitliche Schmelzrinne in Quermathen führte früher zum Riewendsee. Zunehmende Verlandung führt zum Austrocknen der Kleingewässer.

Zerstörte Feuchtgebiete führen zu Artensterben

Der Bedarf an Ackerflächen wuchs und die Dürre der letzten Jahre beschleunigte den Prozess, erklärt Meister. Mit dem Wasser verschwindet Lebensraum. Dramatisch betroffen sind davon die Amphibien. Nicht nur in Brandenburg, weltweit ist ein Rückgang bei allen Arten zu beobachten. Das machte auch der Weltbiodiversitätsrat in seinem letzten Bericht deutlich. Eine Million Arten sind dem Bericht zufolge in kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Ebenfalls in dem Bericht zu lesen, 85 Prozent der weltweiten Feuchtgebiete gelten als zerstört.

In Brandenburg sind viele Kleingewässer ausgetrocknet

In Brandenburg sieht es nicht besser aus, wie die Brandenburger und Berliner Feldherpetologen auf ihrer Tagung im November deutlich werden ließen. Die Fachleute für Amphibien und Reptilien, die in freier Natur die Tiere erforschen, fordern Hilfe gegen das Verschwinden der Kriechtiere. Beate Schonert vom Naturschutz Malchow berichtet: „In den 1990er Jahren wurden 191 Kleingewässer erfasst, wovon 37 ausgetrocknet waren. Als wir 2021 diese 191 Gewässer noch einmal untersucht haben, waren bereits 126 trocken.“ Und hier heißt es weiter: „Eines der größten Moorfroschvorkommen ist seit 2008 von circa 6.000 Tieren auf weniger als zehn Tiere in diesem Jahr geschrumpft.“
Um hier entgegenwirken zu können, müsste nach Auffassung der Fachleute mehr für den Wasserrückhalt in der Landschaft getan werden. „Das Artensterben ist längst vor unserer Haustür angekommen und wir alle sind gefordert, schnellstmöglich gegenzusteuern. Manche praktischen Maßnahmen wären dabei sehr leicht umsetzbar“, sagt Reinhard Baier, Sprecher des NABU-Landesfachausschusses Feldherpetologie.

Einwohner, Stadt Nauen, Behörden und Landwirte arbeiteten zusammen

Genau das ist Quermathen passiert. Die Stadt Nauen als Eigentümerin gab ihr Einverständnis, die zuständigen Behörden prüften und gaben ebenfalls ihr Okay. 2020 wurden die Anträge gestellt und nun ist das Projekt fertig. „Das Gelingen in kurzer Zeit ist allen Akteuren zu verdanken“, sagt Fred Meister. Den Quermathenern, die das Projekt wollten, den beteiligten Landwirten, die die Zuwegung erst möglich machten, dem Planer Herrmann Wiesing und der Firma Lieschke. „Alle haben einen tollen Job gemacht“, so Meister.

300.000 Euro für Renaturierung

Das vom Land Brandenburg und dem Bund geförderte Renaturierungsprojekt kostete rund 390.000 Euro und soll zukünftig auch für eine Entlastung bei Starkregen sorgen. Mit Extremwetterereignissen ist weiterhin zu rechnen, sind sich Klimaforscher sicher.
Die Schmelzwasserrinne wird hoffentlich Refugium werden für die seltene Rotbauchunke, für Kammmolch und Kreuzkröte, alles Arten, die Meister auch in der Umgebung schon früher gesehen hat und die an einigen Stellen nun gar nicht mehr zu finden sind. Auch Pflanzen, Insekten, Vögel und kleine Säugetiere werden sich an der Schmelzwasserrinne einfinden.

NABU Osthavelland wird Tiere und Pflanzen dokumentieren

Der NABU Osthavelland wird das Geschehen dort beobachten und dokumentieren. Das erste Wasser ist bereits da, die für diese Kleingewässer typische Tonschicht wird es halten. Nach und nach, mit jedem Niederschlag, wird der Wasserspiegel steigen. Wer dem Biotop beim Wachsen zusehen möchte, für den steht eine Bank bereits einladend am alten/neuen Gewässer parat.