Mag das Schloss derer von Ribbeck das Wahrzeichen des Birnendorfes sein, ist es jedoch der Schornstein der „Alten Brennerei“, der von einem mächtigen Storchenhorst gekrönt ist, der bei der Anfahrt durch das leicht hügelige Havelland zuerst ins Auge fällt. Anders als in Pisa ist hier nicht der Schornstein schief, der steht wie eine Eins. Es war die obenauf aufliegende Storchenwohnung, die sich bedrohlich zur Seite neigte.

Storchennest schief auf dem Schornstein

„So manches mal sprachen mich Touristen besorgt auf das schiefe Nest auf dem Schornstein an“, erzählte Christian von Ribbeck. Die von Ribbecks stellen in der um 1850 erbauten Brennerei Birnenessig her. Die Gäste auf dem Schornstein sind von Ribbeck im Laufe der Zeit vertraut geworden, er hat sich einiges Wissen um Adebar zugelegt und war sogleich zur Mithilfe bereit, als eine Sanierung der Storchenbehausung anstand.

Claudia Jörg ist Storchenbeauftragte im Havelland

Claudia Jörg ist die Storchenbeauftragte des NABU in der Region. Sie plante das Projekt und ist voller Begeisterung für die vielen Helfer, die sich ihr angeschlossen haben und für die Unterstützung der Unteren Naturschutzbehörde dankbar. Die stellte den neuen, von einem Fachmann geflochtenen Korb, zur Verfügung, der die Grundlage für das neue Nest bilden wird. Und sie finanzierte mit 2.700 Euro die Aktion.
Denn um auf den 30 Meter hohen Schornstein zu gelangen, war eine Hebebühne nötig. Die MZ Logistik aus Nauen organisierte den Bühnenbetreiber aus Vehlefanz, Betriebsleiter Steffen Nobis war vor Ort. Auf Türme fahren, ist für ihn Routine, Storchennester von Türmen holen, war aber auch für ihn Neuland. Allein viermal musste Claudia Jörg auf den Turm fahren, um dem Nest mit einer Mistgabel zu Leibe zu rücken. Unterstützt wurde sie hierbei von Konrad Bauer, dem Turmvogel-Experten des NABU, dessen Einsatzgebiete sich naturgemäß in luftiger Höhe befinden und für den Schwindelfreiheit zur Aufgabenbeschreibung gehört.

Horst wog etwa eine Tonne

Rund 2,50 Meter hoch war der Horst und auf etwa eine Tonne Gewicht brachte er es, schätzen Bauer und Jörg. „Dennoch war es eng geworden für eine sechsköpfige Storchenfamilie“, erklärte Jörg. Denn das Nest verlief konisch nach oben und für das Storchenpaar, welches in diesem Jahr erfolgreich vier Junge hier großgezogen hatte, war die Enge schon grenzwertig.
So wacklig, wie der Horst von unten aussah, war er allerdings nicht. „Ich hatte immer den Eindruck, dass das Nest wie ein Korken auf dem Schornstein sitzt“, sagte von Ribbeck, während er half, die Mischung aus Ästen, Reisig und trockenen Pferdedung von der Hebebühne zu holen. Claudia Jörg bestätigte den Eindruck und war dennoch froh, denn wer weiß, wie lange der Horst da oben auf dem Schornstein den Elementen noch getrotzt hätte.
Außergewöhnliche Fundstücke gab es im Nistmaterial nicht, Putzlappen, ein langes Stück Schnur, Wäschestücke. Wer in Ribbeck die Wäsche draußen trocknet, sollte wohl mit diebischen Störchen rechnen. „Erfreulich wenig Plastik“, sagte Bauer. Das sei leider nicht immer so, fügte er hinzu.

Storchennest seit den 60er Jahren bekannt

Tatsächlich wäre ein Überraschungsfund ein über viele Jahre dort oben wohl gehütetes Geheimnis gewesen. Der Horst ist älteren Ribbeckern wenigstens seit 1962 bekannt. In den Listen der Storchenbeobachter im Osthavelland taucht der Horst ab 1977 regelmäßig auf, ab 1981 wurden hier erfolgreich Jungvögel aufgezogen.
„An den Horst kamen wir damals nicht ran“, sagte Ursula Stark, die sich mit Ehemann Dieter Stark jahrelang um die Störche im Kreis gekümmert hatte. Dieter Stark brachte sein Engagement den Beinamen „Storchenvater“ ein. Nun standen beide unten auf der Wiese der „Alten Brennerei“ und schauten mit interessiertem Blick hinauf. Von oben rieselte unablässig Laub, Stroh, kleinere Ästchen und wahrscheinlich auf noch andere Hinterlassenschaften vieler Storchgenerationen herab.

Neues Nest an Schornstein befestigt

Nachdem das Nest abgetragen war, kamen erstmal die Maurer zum Einsatz. Beste Bedingungen soll die neue Unterkunft haben und eine Weile halten. Danach wurde eine extra für diesen Zweck umgearbeitete Palette auf den Schornstein gesetzt und befestigt. Dann kam der Korb rauf, wieder wurde alles befestigt und sozusagen für die erste Einrichtung gesorgt. Äste und Rindenmulch geben die Grundausstattung, die neue Heimat für Adebar ist bezugsfertig.
Das Beste an dem Domizil ist aber unverändert. Die Aussicht, weit über das Havelland, bis hinüber zu den Windrädern auf der Nauener Platte. Dem Storch zu Füßen liegt das Schloss und mit ihm der gesamte Ort. Die Gefahr, dass die Störche den neuen Horst nicht annehmen, bestehe laut Claudia Jörg nicht. Sie seien ortstreu, was man in Sachen Partnerschaft nicht unbedingt von ihnen behaupten kann.