"Nennen Sie mir fünf Maßnahmen, mit denen sie ihre Absicht umsetzen würden", war da noch eine der leichteren Fragen, denn Luisa Hirsch, Lehrerin für Deutsch und Politische Bildung, hatte ihre Schüler gut auf das besondere Interview vorbereitet. Schon im Vorfeld hatten die Gymnasiasten einen Fragenkatalog erarbeitet, sodass die Jugendlichen direkte Vergleiche anstellen konnten, welcher der Gäste die Fragen wie beantwortet. Denn die zwischen 16 und 18 Jahre alten Schüler könnten bald erstmalig Wählen. Das Projekt soll die Wahlbeteiligung unter den unter ihnen steigern.
Am Freitag stellten sich der Christdemokrat Marcus Welzel, der Sozialdemokrat Robert Borchert, die Bündnisgrüne Petra Budke und Anja Mayer von DIE LINKE den Fragen der jungen Erstwähler. Eingeladen waren Vertreter aller im Landtag vertretenen Parteien, die AfD hatte abgesagt. In Gruppen stellten die Schüler ihre Fragen an die Politiker, zwanzig Minuten lang hatten sie Zeit, die Fragen zu beantworten. Dann stellten sie sich der nächsten Fragengruppe.
Marcus Welzel beantwortete etwa die Fragen zum sogenannten Rezo-Video. Den Titel, "Die Zerstörung der CDU", mag Welzel nicht so ganz gelten lassen. In dem Video des Webvideoproduzenten und Influencers Rezo bekomme nicht nur die CDU ihr Fett weg, sagt er. "Eigentlich alle Parteien, mit Ausnahme der Grünen", sagt Welzel. Auch die Reaktion seiner Partei auf das Video kritisiert er. Zu spät und die Antwort hätte auf dem gleichen Kanal, als Video, laufen müssen, so seine Meinung. Auf die Frage, wie sich mehr junge Leute in die Politik trauen könnten, hatte er keine direkte Antwort: Er befürwortet das Ansinnen und spricht Mut zu. Wer aktiv etwas bewirken möchte, solle sich politisch engagieren, rät er.
Petra Budke antwortete auf die Fragen nach Massentierhaltung und Tierschutz. Sie lehne die Massentierhaltung ab, allerdings ließe sich eine Änderung der gegenwärtigen Tierhaltung nicht von heute auf morgen erledigen. Damit sich die Tierhaltung ändert, müssten Landwirte gefördert werden. Statt der Haltung im Stall, raus auf die Weide, gefördert mit einer Prämie, sagt sie. Sie thematisierte in diesem Zusammenhang auch den Skandal um den Schlachtbetrieb Tönnies. Erst leiden die Tiere, dann die Menschen, unter den Arbeitsbedingungen. "Wenn wir hier etwas ändern, wird das Fleisch teurer. Das ist richtig. Wir werden es dann aber auch mit guten Gewissen essen können", sagte Budke.
Robert Borchert beantwortete die Frage, "Was ist für Sie Politik?" zunächst mit einem Beispiel. Die Schule hier, die Frage von Neubauten, die Schaffung von Kita-Plätzen, alles Politik, sagt er. Denn all diese Dinge landen, noch bevor tatsächlich etwas sichtbar wird, auf den Tischen der politisch Verantwortlichen. "Politik ist Gesellschaft, beinahe alles ist politisch. Mir fallen nur wenig unpolitische Bereiche ein", sagt er.
Anja Mayer sieht große Herausforderungen für das Gesundheitssystem. "Wir müssen gewappnet sein, für weitere Virus-Erkrankungen", sagt sie und gibt zu bedenken, dass diese nicht alle Corona heißen oder dieselben Auswirkungen auf die Gesundheit haben müssen. Sie stellt sich den Fragen zum Bildungswesen, Allgemeinbildung oder Spezialisierung in den oberen Jahrgangsstufen? Mayer bevorzugt die Allgemeinbildung.
Wer tut was für geflüchtete Menschen, Genderfragen, Digitalisierung – in den zwanzig Minuten war viel drin. Sahen die Politiker auch so und lobten die Schüler als gut vorbereitet und sehr offen und interessiert. Und die Schüler? Haben sie jetzt ein klares Bild der Parteien? Einer der Schüler sagte, den hätte er bereits vorher gehabt und bedauerte, dass die Partei, die er wählen würde, die FDP, nicht dabei war. Er bleibe aber bei seiner Wahl, sagte er. Für die 16-jährige Freya war es "ein eindrucksvoller Blick auf die Politiker als Personen, und nicht nur auf Parteien".  "Wenn die echten Personen erzählen, ist das interessanter als Politik im Unterricht", sagte die gleichaltrige Marla. Für die ebenfalls 1-6jährige Phiedes wurden mit dem Projekt die Politik echter und näher: "Man merkt schnell, dass sind ganz normale Leute." Auch der 16-jährige Jan hat mit der CDU einen politischen Favoriten. "Ich finde es spannend, hier auch auf die Politiker anderer Parteien zu treffen und zu sehen, wofür die Leute stehen. Ich würde weiter die CDU wählen, fand aber die Vertreterin der Grünen auch ganz interessant", sagte er. Der 17-jährige Radmehr brachte es dann für alle auf den Punkt: "Eine sehr gute Veranstaltung, bei der man sich den politischen Parteien nähern kann."