Quere Literatur kann Fragen beantworten zu anderen Lebensentwürfen, zur Sexualität oder eben so ganz einfache, wie Luise Herbst, Dezernentin und Beigeordnete der Stadt Falkensee, sie in ihrer Rede schildert. Wie reagieren, was tun, wenn ein Kind im Kindergarten zwei Mütter hat? Herbst erzählt, sie hätte durchaus Fragen gehabt und sich nicht getraut diese zu stellen. Später, erzählt wie weiter, erfuhr sie, die beiden Frauen wären gern gefragt worden.
Information vor Urteil
Die neu eröffnete queere Mediathek ist somit nicht allein für Homosexuelle oder Transgender interessant, sondern für alle Menschen, die Fragen haben zum Thema, sich nicht trauen sie offen zu stellen oder schlicht niemanden kennen, der sie beantworten könnte. Hilfe bei der Auswahl der Bücher, Hörbücher und DVDs erhielten die Mitarbeiter der Bibliothek und des dazu gehörenden Fördervereins von Ilona Bubeck, Mitbegründerin des Querverlages Berlin.
Entstanden ist eine breite Sammlung zum Thema: Sachbücher und Romane für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Über 125 Medien im Wert von über 1.900 Euro wurden angeschafft und können nun ausgeliehen werden. Der Großteil des Geldes kam von der Partnerschaft für Demokratie Falkensee, nachdem der Förderverein der Bibliothek einen entsprechenden Antrag gestellt hatte.
Anschaffung einer queeren Mediathek ist auch eine der geforderten Maßnahmen aus dem Teilhabeplan. Der Plan selbst ist noch nicht fertig, diese eine Maßnahme schon. „Eine Bereicherung für unsere Stadt“, sagt Luise Herbst. „Sie soll die Menschen einladen, sich auch mal andere Lebensentwürfe anzuschauen. Mit der Eröffnung der Mediathek Queer erkennen wir die Normalität der anderen Lebensentwürfe an“, sagt sie weiter.
Regenbogen und dunkle Wolken am Horizont
Auch Ilona Bubeck ist zur Eröffnung geladen. Ihrer Schätzung nach sind etwa 10 Prozent der Einwohner Falkensees und Umgebung lesbisch, schwul oder Bisexuell. Dazu kommen noch transsexuelle Menschen. Bubeck, die auch im Falkenseer Regenbogencafé aktiv ist, kennt die Community. Regenbogenfamilien zieht es, wie andere auch, aufs Land oder in Kleinstädte wie Falkensee. „Falkensee ist vielfältig, bunt und liberal“, sagt sie. Das könnte sich, so ihre Befürchtung, durch einen politischen Rechtsruck ändern.
Bei Christiane Radon, Leiterin der Stadtbibliothek Falkensee, stieß der Gedanke an eine queere Mediathek zunächst mal auf den Gedanken, „brauchen wir das? Können wir nicht einfach die Menschen so annehmen, wie sie sind?“ Sie stellt die Frage und gibt die Antwort. Dazu braucht es eben auch die Information. Gerade für Jugendliche sagt Radon, können hier jetzt viele Fragen beantwortet werden, anonym und nach Bedarf. „Im Grunde“, stellt sie fest, „hatten wir schon immer queere Literatur. Die hieß nur nicht so.“ Mit dem neuen Angebot schließt sich nicht unbedingt eine Lücke, es transportiert das Thema in die Öffentlichkeit.
Das ganz normale Andere
Ist ein anderes Leben tatsächlich so anders, so fremd? Im Anschluss an die feierliche Eröffnung, der rund vierzig Gäste beiwohnten, konnten Fragen an die Tagesspiegel-Redakteure Anja Kühne und Tilmann Warnecke gestellt werden. Die beiden Journalisten kennen sich aus. In ihrer Kolumne „Heteros fragen - Homos antworten“ haben sie bereits so einige Mythen entzaubert, vom ganz normalen Leben berichtet, von der anderen Seite des Ufers, wie es gern genannt wird. Wer hinsieht wird feststellen, da ist das Gras genauso grün und der Abhang an manchen Stellen nicht weniger steinig ist, als auf der eigenen Seite. Und manchmal sind es die Menschen selbst, die weitere Steine hinzufügen.