Er scheint seinen Ausblick zu genießen, der Reiher, den Volkmar Härtwig auf einem der Dächer der Nachbarn fotografiert hat. Reiher, Eisvogel, Zauneidechsen, sie alle leben in seiner Nachbarschaft. Volkmar und Christiane Härtwig wohnen in der Emdener Straße, oder besser deren Stummelschwänzchen. Die kleine Schotterstraße führt in eine Senke und endet nach wenigen 100 Metern. Dahinter Koppeln und auf der anderen Seite steht mannshoch das verblasste Schilf. Von hier hinten geht es nur noch zu Fuß weiter, vorbei an Wiesen. Sträucher und Bäume säumen den Weg. Eine kleine Brücke führt zur Dürrerstraße und von hier ist es ein Katzensprung ins Naturschutzgebiet Moosbruchheide.

Grundstück seit 1930 in Familienbesitz

„Oh ja, es ist wunderschön hier“, sagt Christiane Härtwig mit Blick auf die Landschaft. Vor sieben Jahren zogen sie und ihr Gatte nach Falkensee. Das Grundstück am Stadtrand ist seit 1930 in Besitz ihrer Familie. Härtwig weiß zu berichten, dass ihre Großeltern im Juli 1930 „eine Sicherungshypothek zum Höchstbetrag von 1.000 Goldmark für die Landgemeinde Falkensee zur Sicherung der Straßenherstellungskosten zahlten.“ Im Museum der Stadt fand sie eine Straßenkarte aus dem Jahr 1936, auf der die Emdener Straße bereits verzeichnet ist.

Wendehammer für wenige Anwohner

Warum sie das erzählt? Die Emdener Straße sollte nicht nur erschlossen werden, für die wenigen Anwohner sollte sogar ein Wendehammer gebaut werden. Nämlich dorthin, wo gerade das Schilf steht. Nun sagen die Härtwigs, dass sie bereits eine Straße haben, von Erschließung also keine Rede sein kann. Was wichtig ist, denn für einen Ausbau ihrer Straße würden sie nicht zur Kasse gebeten werden.
Noch wichtiger ist ihnen, keine weitere Bodenversieglung zuzulassen. Denn schon jetzt leben sie nach starken Regenfällen auf einem temporären Wassergrundstück. Die Natur für einen Wendehammer opfern, von dem sie beide überzeugt sind, „dass ihn kein Mensch braucht“, erscheint dem Paar nicht zeitgemäß. Auch in der Nachbarschaft erfreue sich der Straßenbau keiner großen Beliebtheit, sagt Christiane Härtwig. Lediglich ein Nachbar befürworte ihn.

Straßenbau ist aufgeschoben

Tatsächlich wird die Straße im kommenden Jahr nicht, wie eigentlich geplant, gebaut. Der Straßenbau ist nicht aufgehoben, wie schon öfter in Falkensee erlebt, nur zurückgestellt. Das verschafft den Anwohnern eine Atempause, schafft aber auch Unsicherheiten. Denn sollte hier tatsächlich nach Erschließungsrecht gebaut werden, würde für die Grundstückseigner für ein 1.000 Quadratmeter Grundstück 12.900 Euro fällig.
Das Paar Härtwig findet den Betrag überzogen, 1.400 Euro sollen auf den Fußweg entfallen. Den gibt es bereits, nun ja, teils fragmentarisch und noch aus Zeiten des Sozialismus stammend. 44 Kraftfahrzeuge würden am Tag in die kleine Straße fahren, sagt Volkmar Härtwig und fügt hinzu, gezählt worden seien die nicht, nur geschätzt.
In der Sackgasse stehen Einfamilienhäuser und Gartenbungalows. Wie die vielen Verkehrsbewegungen zustande kommen sollen, ist dem Paar ein Rätsel. Den Wendehammer braucht es für LKWs, Lieferfahrzeuge und die Müllabfuhr, erfahren die Härtwigs und stellen fest, dass der Müll bei ihnen seit Jahren abgefahren wird, ganz ohne Wendehammer.

Feuchtsenke ist Biotop

Als problematisch aus naturschutzfachlicher Betrachtung bewertet die Baumaßnahme Elke Märtins, Ortsgruppenvorsitzende des BUND. Sie hat eine Stellungnahme zum geplanten Wendehammer geschrieben. Erdgeschichtlich ordnet sie die Feuchtsenke der letzten Eiszeit zu. Sie gehört zum Havelländischen Luch.
Sie schreibt hierzu: „Nach Betrachtung vor Ort sind Biotopmerkmale zu erkennen. Das Schilf und auch die Senke stehen naturschutzrechtlich unter Schutz. Auch wenn eine Fläche noch nicht als Biotop im Kataster erfasst ist, hat es trotzdem Schutzstatus und darf nicht zerstört oder negativen Einflüssen ausgesetzt werden.“ Die Eheleute Härtwig befürchten, eine Versiegelung des Bodens könnte für die Anwohner zu Hochwasser-Problemen führen. In Zeiten, in denen es zunehmend wichtig wird, Wasser im Boden zu halten, sei Beton anrühren nicht zeitgemäß, findet Christiane Härtwig.

Geschützte Vögel

Die promovierte Historikerin hat inzwischen zu einer neuen Leidenschaft gefunden. Vögel beobachten und anhand des Gesanges ihrer Art zuordnen. Rotkehlchen, Erlenzeisig, Fasan, Star, Dohle, Schwanzmeise und Großer Brachvogel sind nur einige der von ihr auf dem Gelände gesehenen oder gehörten Vögel.
Sie führt Buch zu ihren Befunden und hat geschützte und bedrohte Arten aufgeführt. Berühmtester Vertreter ist wohl der Eisvogel, der auch in der nahegelegenen Moosbruchheide beobachtet werden kann. Und dann war da noch dieser große, kräftigere Vogel, mit dem roten Kopfschmuck. Ein Auerhahn, ein Birkhahn? Beide Vogelarten sind in moorigen Gebieten zuhause, allerdings nicht im Havelland, sie bevorzugen alpine Gegenden. Das Birkhuhn gilt als vom Aussterben bedroht, 2017 ging man von nur 1.200 Tieren in Deutschland aus. Könnte die Sichtung dokumentiert werden, wäre dies eine kleine Sensation.

Endgültige Entscheidung erwünscht

Für die Eheleute Härtwig wäre eine endgültige Entscheidung zu ihrer Straße wünschenswert. Eine Entscheidung, die sein lässt, was da ist. Die Schotterpiste, die ab und an mal, so wie bisher, von der Stadt „gebügelt“ wird, reiche aus, sagen sie. Sie würden sich wünschen, dass die Meinung der Anwohner Gehör findet und respektiert wird. Denn auch über die Bürgerbeteiligung sind sie enttäuscht. „Das hatten wir uns hier doch deutlich anders vorgestellt“, sagt Christiane Härtwig. Sie hatte den Eindruck, ihre Meinung sei nicht relevant, ihre Einwände störend, sie habe sich allzu oft nicht ernst genommen gefühlt. „Demokratie geht anders“, hält sie abschließend fest.