Himmelblaue Pflastersteine, zitronengelbe Häuser, rosarote Blumen, quietschgrüne Bäume oder knallbunte Herzen: Wenn 24 Kinder die Straße nach ihrem Geschmack gestalten dürfen, sieht die Welt gleich um vieles bunter aus. Am Donnerstag durften sie in Wustermark genau das.
Damit die Kinder gefahrlos die Welt in Farbe tauchen konnten, war die Hauptallee in der neuen Siedlung in Wustermark für anderthalb Stunde gesperrt worden.

Fußgänger haben Vorfahrt auf Spielstraßen

Mit den bunten Kreidebildern wollten die Kinder signalisieren, dies ist eine Spielstraße, hier darf sehr, sehr langsam mit dem Auto gefahren und fröhlich gespielt werden. Auf Spielstraßen haben die Jüngsten im Besonderen und Fußgänger im Allgemeinen die Vorfahrt und weil sich manche Fahrzeugführer nicht an diese Regelung halten wollen, wurde kurzfristig mal der Spieß umgedreht und die Kinder besetzten die Straße.

Kleine Street-Art-Künstler in Wustermark

Der Ortsbeirat und die Gemeindeverwaltung hatten die Aktion initiiert, gemeinsam mit der Kita Spatzennest. Unter dem Motto: „Meine Straße gehört mir“ wurde die Straße von den Kindern bevölkert und mit Kreidebildern verschönert. Noch bevor es losging, bestärkte Bürgermeister Holger Schreiber (parteilos) die Kinder und ermunterte zum malenden Statement.

In Spielstraßen gilt Schrittgeschwindigkeit

Gesichert wurde die Aktion nicht nur von den Mitarbeiterinnen der Kita, sondern auch von Ordnungsamt und Polizei. Der anwesende Polizeibeamte nutzte die Gelegenheit, die motorisierten Verkehrsteilnehmer auf die Besonderheiten einer Spielstraße hinzuweisen. Parken nur auf den gekennzeichneten Flächen, Schrittgeschwindigkeit, also sechs bis acht Stundenkilometer darf gefahren werden, erläutert er den Vorbeifahrenden.
Ja, sie dürfen durch die Hauptallee auch während der Aktion fahren, nur eben sehr, sehr langsam. Ausnahmslos alle Autofahrer/innen sind erstaunt, die eine oder andere Regelung war für sie neu. Und weil das geringe Tempo nicht in jedem Auto so ganz korrekt abgelesen werden kann, hilft die mobile Geschwindigkeitsüberwachung, die in der Hauptallee steht.

„Müssen die Anwohner vor den Anwohnern schützen“

Die neue Siedlung ist mit Spielstraßen durchzogen, dass es hier Fuß vom Gas heißt, weiß offenbar nicht jeder oder will es nicht wissen. „Wir haben hier, wie in wahrscheinlich vielen anderen Städten und Gemeinden auch, ein Problem mit rasenden Autofahrern“, sagt Schreiber. Die meisten davon dürften Anwohner sein oder wenigstens doch Ortskundige, meint er und Ortsvorsteher Roland Mende sieht das genauso. „Wir müssen hier tatsächlich die Anwohner vor den Anwohnern schützen“, sagt der Bürgermeister. Die Straßen in der Wohngegend seien „nicht die B 5“, sagt er in Anspielung auf die zugelassene Höchstgeschwindigkeit.

Spielstraße als Abkürzung

Eine Anwohnerin sagt, manche Verkehrsteilnehmer würden in den Spielstraßen durchaus Abkürzungen sehen. Eine andere sagt, es gäbe auch so einiges an Lieferverkehr und auch der würde sich nicht unbedingt an die Regeln halten. Man könnte hier vielleicht mit baulichen Maßnahmen den Verkehr beruhigen, sagt Schreiber, doch im Grunde wäre das Geld für diese Maßnahme woanders auch gut eingesetzt. Denn würden sich alle an die Verkehrsregeln halten, bräuchte es diese Maßnahmen, wie zum Beispiel Erhebungen in der Fahrbahn nicht.

Sicherheit der Kinder ist wichtig

Möglicherweise könnten Geschwindigkeitskontrollen durch die Polizei helfen, doch sind die Dienststellen schon jetzt oft unterbesetzt, erklärt Schreiber weiter. Dass eine solche Aktion zur Einhaltung der Geschwindigkeit nicht bei allen Autofahrern gut ankommen wird, weiß Ortsvorsteher Mende und winkt ab. „Es geht um die Sicherheit der Kinder. Das ist wichtiger“, sagt er.
Derweil entstehen auf dem Pflaster ganze Märchenlandschaften und auch der Bürgermeister kann nicht widerstehen, greift zur Kreide und malt mit. Für die kommissarische Kita-Leiterin Andrea Voll ist die Aktion ein schöner Erfolg. Auch sie ärgert sich regelmäßig über die zu schnell fahrenden Autos in den Spielstraßen.

Bunte Kunstwerke und fröhliche Künstler

Ein Herr mit Fahrrad kommt vorbei, schaut und nickt. „Wenn sie hier fertig sind, können sie zu uns nach Priot kommen. Da wird auch viel zu schnell gefahren“, sagt er, während er vorbeiläuft und sich und sein Rad durch die Straße schlängelt. Auch für Radfahrer gilt die Schrittgeschwindigkeit in der Spielstraße. Wem es zu sehr wackelt, der steigt ab und hat in dem Fall mehr Zeit für die bunten Kunstwerke und die fröhlichen Künstler.