Einfamilienhäuser säumen die Straße, dahinter Wiese und Feld, eine typische Ortsrandlage, wie es sie in vielen Gemeinden des Havellands gibt. Der Ort ist nicht wichtig, auch nicht der Name des Mannes, der an diesem sonnig-kalten Montag im Fünfminutentakt einen Käfig über den Zaun reicht. In jedem dieser Käfige sitzt eine Katze oder ein Kater.

Ein Fall von Animal Hording - Tiersammeln

Eine Handvoll Tierschützer steht an der Straße und nimmt die Käfige entgegen. Zwei Mitarbeiterinnen des Ordnungsamtes sind da und eine Vertreterin des Veterinäramtes. Letztere hatten mehrmals Kontakt zu dem Mann gesucht, dessen Nachbarn über die vielen Katzen auf seinem Grundstück klagten. 30 bis 50 Katzen sollten es sein, so genau wusste das niemand. Wie sich zeigen wird, auch der Mann selbst nicht. Ein Fall von Animal Hoarding, Tiersammeln.

Alle Katzen und Kater werden kastriert

Eine Tierärztin aus der Nachbarschaft ist da, auch sie habe mit dem Mann reden wollen. Das ging Anfangs noch, später wurde es schwierig, irgendwann unmöglich. Dass er nun einen Käfig nach dem anderen über den Zaun reicht und dabei auch ein wenig mit den Anwesenden plaudert, verblüfft fast alle an diesem Morgen.
Die Tierärztin nimmt die ersten Kater mit zu sich in die Praxis und beginnt, was heute noch mehrfach und bei verschiedenen Tierärzten passieren wird. Die Katzen und Kater werden kastriert und bekommen zur Identifizierung einen Chip eingesetzt. Damit soll der unkontrollierten Vermehrung Einhalt geboten werden.

Elend meist vorprogrammiert

Katzen sind enorm reproduktionsfreudig. Bereits mit einem halben Jahr sind sie geschlechtsreif. Der Deutsche Tierschutzbund hat es in seiner Broschüre „Das Katzenelend“ eindrucksvoll vorgerechnet. „Angenommen eine Katze bekommt nur zweimal im Jahr Nachwuchs, wobei jeweils drei Junge pro Wurf überleben und sich jeweils fremde Partner suchen, ergibt sich rein rechnerisch nach einem Zeitraum von zehn Jahren die stattliche Anzahl von 240 Millionen Nachkommen.“ Nun sind Katzen zwar der Deutschen beliebtestes Haustier, doch wo die Tiere wild oder halbwild leben, ist das Elend meist vorprogrammiert.

Tiere werden nach Kastration zurück gebracht

Rund 30 Katzen und Kater werden die Tierschützer am Ende der Aktion entgegengenommen haben. Der Mann sagt, er sei nicht der Besitzer der Katzen, er füttere sie nur. Das mit sehr hochwertigem Futter, wie eine der Tierschützerinnen feststellt. Namen hat er den Katzen nicht gegeben, dennoch beobachtet er sorgenvoll, ob es seinen Schützlingen gutgeht, inspiziert die Käfige, damit sich keines der Tiere verletzt. Mehrfach fragt er nach, man bringe ihm die Tiere doch zurück, oder? Die Tierschützer bestätigen immer wieder, ja, das werden wir.

Halbwilde Katzen sind schwer vermittelbar

Denn tatsächlich sind die halbwilden Katzen kaum vermittelbar, erklärt eine der Tierschützerinnen. Sie war dabei, als im letzten Jahr mehrere problematische Katzenhaushalte aufgelöst wurden. Einige der Tiere warten noch immer im Tierheim auf eine neue Heimat, oft vergeblich. Sie entsprechen nicht dem, was Menschen sich unter einer anhänglichen Samtpfote vorstellen. Auch fänden die Tiere an geschlossenen Türen und begrenzenden vier Wänden keinen Gefallen. Die Kater werden schon sehr bald nach der Operation zurückgebracht, die Katzen brauchen etwas mehr Nachsorge und werden für einige Tage in Betreuung gehen. Der Mann nickt schließlich zufrieden.

Krankhaftes Tiersammeln

Animal Hoarding ist die krankhafte Sucht, Tiere zu sammeln. Charakteristisch hierbei sind die unangemessenen bis denkbar schlechten Haltungsbedingungen. Zu wenig Platz, ein Mangel an Hygiene, zu wenig Futter und/oder keine tierärztliche Versorgung. Dabei wird die Gefährdung der Tiergesundheit oft nicht erkannt oder bagatellisiert.
Der Deutsche Tierschutzbund sammelt und dokumentiert Fälle von Animal Hoarding, wenn sie ihm gemeldet werden. Und sie reichen quer durch die Republik. Eines haben die Fälle gemeinsam: Sie fordern sehr viel Einsatz von den beteiligten Tierschutzvereinen, die, so wie auch in diesem Fall, zusammenarbeiten.

Hohe Kosten für Tierschutzvereine

Denn die Versorgung sehr vieler Tiere in sehr kurzer Zeit bindet alle Kapazitäten ein, auch die Finanziellen. Das Kastrieren eines Katers ist günstiger als die Operation bei der Katze. Man könne im Durchschnitt von 100 Euro pro Tier ausgehen, sagt Tierärztin Monika Kruschinski vom Tierschutzverein Falkensee-Osthavelland. Also rund 3.000 Euro, die nur für die Kastrationen anfallen. Dazu kommt die Versorgung von eventuell vorhandenen Verletzungen oder Erkrankungen und auf jeden Fall Futter und Einstreu für die Katzen, die einige Tage untergebracht und versorgt werden müssen.

Paderborner Modell könnte die Lösung sein

Gibt es für solche Herausforderungen im Tierschutz keine anderen Lösungen? Doch, gebe es, sagt Monika Kruschinski: das Paderborner Modell. Hierbei verpflichtet die Gemeinde die Tierhalter, ihre Katzen kastrieren zu lassen und mit einem Chip auszustatten, bevor sie Freigang bekommen. Manche Kommunen unterstützen die Kastrationen bei finanzschwachen Tierhaltern.

Luckenwalde führte bereits 2014 Kastrationspflicht ein

Wie sich das auswirkt, kann man am Beispiel Luckenwalde sehen. Auch Premnitz im Westhavelland hat das Modell zu Jahresbeginn eingeführt. In Luckenwalde gilt es seit 2014. Anette Wolters ist Amtsleiterin im Ordnungs- und Rechtsamt Luckenwalde und sie zeigt sich auf Nachfrage rundum zufrieden mit dem Ergebnis. Ungefähr zeitgleich habe damals das Projekt „Kitty“ die Kastration der Katzen an den bekannten Fütterungsstellen in der Stadt übernommen. In den ersten Monaten hatte auch Luckenwalde die Kastrationen bezuschusst, das ist aber inzwischen nicht mehr der Fall. Und seitdem, sagt Wolters, habe man das Problem nicht mehr. Selbst im Tierheim seien wenig Katzen.
Der Tierschutzverein Falkensee-Osthavelland freut sich, ebenso wie die Tierheime Falkensee und Rathenow, über Spenden, gern auch in Form von Futter, Streu oder Moltoneinlagen, wie sie in der Kranken- und Altenpflege benutzt werden.