Nein, er konnte die Katzenmama mit den vier Kitten nicht ihrem Schicksal überlassen, erzählt Landwirt Volker Pardemann aus Bredow. Er fand eine Katzenfamilie auf dem Feld, fing sie ein und nahm sie mit auf den Hof. Er und seine Frau brachten die Tiere zum Tierarzt und gaben ihnen ein neues Zuhause auf dem Hof. Hier dürfen sie bei der Mäusebekämpfung helfen, kastriert natürlich. Ehrensache für das Paar, dass auch schon mal rastende Brieftauben versorgt, wie Pardemann erzählt und dann bescheiden hinzufügt: „Aber das macht ja jeder.“
Was nicht jeder macht, ist, die eigene Hauskatze kastrieren zu lassen. Mit dem Ergebnis werden auch die Pardemanns regelmäßig konfrontiert. Immer wieder tauchen kleine Katzen auf, manche nehmen sie auf, für andere kommt die Unterstützung zu spät. Sie liegen tot am Straßenrand. Schön sei das nicht, sagen die beiden Tierfreunde.
Die Corona-Zeit bescherte einen regelrechten Haustierboom. Die Katze, ohnehin des Deutschen Lieblingshaustier, nahm dabei den Spitzenplatz ein. Laut dem Deutschen Tierschutzbund zogen im Jahr 2020 etwa 1 Million mehr Hauskatzen in ein neues Zuhause als im Jahr zuvor. Durch die hohe Anzahl neuer Tiere kam es zu Engpässen in Tierarztpraxen, erklärt der Deutsche Tierschutzbund weiter. Das führte zu geringeren Kapazitäten bei den Kastrationen. Landen diese Katzen auf der Straße, ist neues Katzenelend vorprogrammiert.

Kastrationen für mehr als 10.000 Euro durchgeführt

Aussetzten oder ins Tierheim abgeben, scheint nun der neue Trend zu sein. „Es gibt immer mehr Straßenkatzen, die entlaufen sind, zurückgelassen oder ausgesetzt wurden und sich unkontrolliert vermehren. Die Lage hat sich teilweise dramatisch zugespitzt und bringt Leid für die Katzen sowie große Herausforderungen für die Tierheime mit sich“, erklärt Dr. Moira Gerlach, Fachreferentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund.
Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch im östlichen Havelland ab. Hier kämpft der Tierschutzverein Falkensee-Osthavelland an vorderster Front gegen die Katzenvermehrung auf den Straßen. In diesem Jahr rechnet man dort erstmalig mit Kosten im fünfstelligen Bereich für die Kastration der Straßenkatzen.

Wilde Katzen brauchen eine Pflegestelle

Katzen einfangen, was übrigens sehr viel leichter klingt als es ist, kastrieren und dann die Nachsorge stellen die Tierschutzvereine vor Probleme. Während Kater oft noch am gleichen Tag wieder in die Freiheit zurück dürfen, braucht die Wundheilung bei der Katze länger. Sie benötigt für mehrere Tage eine Pflegestelle. Der anspruchsvollere Eingriff kostet bei der Katze entsprechend mehr.
Zwischen 4.300 Euro und 6.300 Euro im Jahr bewegten sich meist die Kosten für den Verein, der bei seiner Arbeit zwar finanziell vom Landkreis unterstützt wird, aber erst einmal in Vorleistung gehen muss. 2019 fiel schon einmal mit rund 9.100 Euro auf. 127 Katzen und Kater wurde in diesem Jahr kastriert. 94 Tiere waren es 2015, 77 im Jahr 2016, 93 in 2017 und 78 im Jahr 2018.

Verein kastriert mehr als 200 Katzen im Jahr 2021

In diesem Jahr, sagt Monika Kruschinski, Tierärztin und vorsitzende des Vereins, seien es bereits mehr als 200 freilebende Katzen, deren Kastration vom Verein organisiert wurde. Dabei hat der Verein noch Glück, die für den Verein aktiven Tierärzte nehmen die Kastrationen für den Verein zu Sonderkonditionen vor, sagt Kruschinski und betont: „Das ist nicht selbstverständlich.“
Die meisten streunenden Katzen wurden auch in diesem Jahr wieder in Nauen und den zu Nauen gehörenden Ortschaften Ribbeck, Lietzow, Schwanebeck, Berge und Kienberg gefunden. 40 Tiere kamen aus einem einzigen Tiersammel-Haushalt. Bredow und Bredow Vorwerk sind dem Tierschutzverein in Sachen wilder Katzenvermehrung ebenfalls bekannt.

Paderborner Modell würde zur Kastration zwingen

Zum Kastrieren der Katzen kann man freilich niemanden zwingen, es sei denn, Kommunen oder Landkreise führen das sogenannte Paderborner Modell ein: eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Freigänger-Katzen, für die viele Tierschützer immer wieder plädieren.  
Warum gerade in ländlich geprägten Bereichen so viele herrenlose Katzen unterwegs sind, ist schwer zu sagen. Vielleicht weil es früher hieß, die kastrierte Katze fängt nicht so viele Mäuse? Die Annahme sei widerlegt, wie Birgitt Thiesmann, Heimtierexpertin der Tierschutzorganisation Vier Pfoten auf der Website der Organisation schreibt. Auch die Sorge, ohne Nachwuchs keine Katzen mehr auf dem Hof zu haben, kann der Verein mit Hinweis auf die stets gut gefüllten Tierheime nehmen.
Die Tierheime und Tierschutzorganisationen trifft es unter Pandemie doppelt. Sie haben mehr Arbeit bei gleichzeitig weniger Spenden. Möglichkeiten zum Spendensammeln, wie Weihnachtsmärkte, sind durch Corona auch in diesem Jahr weggefallen.