Emilia hatte sich gerade einen Dominostein auf ihren Teller gelegt. Vor lauter Vorfreude auf die Bescherung konnte sie eigentlich nichts essen, aber einen Dominostein musste sie wenigstens probieren. Und während die Familie beim Kaffeetrinken zusammen saß, hatten sie das Radio eingeschaltet. Die Sendung sollte die Wartezeit für die Kinder bis zur Bescherung ein wenig erträglicher machen. 

Jetzt wird’s spannend

 Emilia hörte, dass der Sprecher gerade sagte: „Jetzt spitzt bitte eure Ohren, liebe Kinder. Nach der folgenden Musik haben wir eine Überraschung für euch. Legt euch bitte schon einmal einen Stift und ein Blatt Papier bereit.“ Dann folgte Musik.
„Papa, hast du das gehört? Bitte nimm doch Papier und einen Stift und höre da mal genau zu“, bat Emilia ihren Papa. Der hielt auch beides bereit und wartete mit seiner Tochter gespannt auf die nächste Ansage des Sprechers.
Die Musik verstummte. „Ich sage euch jetzt eine Telefonnummer und wenn ihr etwas Glück habt, dann erreicht ihr mich hier im Studio und dann kann ich euch überraschen.“ Papa hatte sich die Nummer notiert und auch sofort ins Telefon eingegeben. Und tatsächlich, Emilia hatte Glück und das Freizeichen am anderen Ende der Leitung ertönte. 

Mit wem spreche ich?

 „Hier ist der Weihnachtsmann. Mit wem spreche ich, bitte?“ „Papa, da ist der Weihnachtmann dran. Da stimmt was nicht“, flüsterte Emilia ihrem Papa zu. „Du hast eine falsche Nummer gewählt.“ Das hatte der Weihnachtsmann gehört. „Nein, nein meine Kleine. Du sprichst wirklich mit dem Weihnachtsmann. Sagst du mir bitte deinen Namen.“
Emilia hatte es die Sprache verschlagen. Emilia, die sonst immer keck eine Antwort parat hatte, war stumm. Sie schluckte und schaute dabei ihren Papa, der neben ihr stand, an. Der nickte ihr lächelnd zu und forderte sie zu einer Antwort auf.
„Ich heiße Emilia“, sagte sie zaghaft. Ihr war es mit einem Mal unheimlich heiß. „Und du bist wirklich der Weihnachtsmann?“, fragte sie etwas ungläubig. Der Weihnachtsmann bestätigte Emilias Frage und so langsam legte sich bei Emilia die Aufregung. „Sag, liebe Emilia, was stand auf deinem Wunschzettel?“, wollte der Weihnachtsmann jetzt wissen.
Emilia brauchte nicht lange nachzudenken und zählte gleich eine lange Liste von Dingen auf. Der Weihnachtsmann staunte nicht schlecht, als er die Wünsche hörte. „Na dann wollen wir mal sehen, was ich dir nachher bringe. Lass dich überraschen. Emilia, was hast du denn heute schon gemacht?“, fragte der Weihnachtsmann jetzt.
„Weihnachtmann, ich war zum Kindergottesdienst in der Kirche. Da haben andere Kinder ein Krippenspiel aufgeführt und gesungen. Dann haben wir gebetet, dann hat der Mann auf der Orgel ein Lied gespielt und dann waren wir nach Hause gegangen. Oma und Opa waren nicht mit. Sie sind zu Hause geblieben, nur Mama und Papa waren mit.“ 

Das Geschenk

 Der Weihnachtsmann hörte interessiert zu. Dann sagte er: „Da hast du ja ein schönes Geschenk gemacht, liebe Emilia.“ Emilia stutzte. „Aber ich habe doch gar nichts mitgenommen, kein Geschenk. Ich kann doch in die Kirche kein Geschenk mitnehmen. Ist doch kein Geburtstag.“
„Das ist nicht ganz richtig, liebe Emilia. An Weihnachten feiern die Christen die Geburt von Jesus Christus, den Sohn Gottes. Und so, wie an deinem Geburtstag deine Geburtstagsgäste dich besuchen kommen, so kommen die Menschen in die Kirche, um Jesus Christus an seinem Geburtstag zu feiern. Bei dir zu Hause bringen die Gäste ein Geschenk mit und sind selbst genauso gespannt wie du, ob sie das Richtige für dich mitgebracht haben. Und dann werden bestimmt Spiele gespielt. Vielleicht singt ihr auch Lieder und dann gehen deine Gäste wieder nach Hause.“
Emilia nickt bestätigend, aber das kann der Weihnachtsmann durch das Telefon nicht sehen. „Und in der Kirche ist es ebenso. Die Menschen feiern die Geburt von Jesus Christus und als Geschenk bringen sie ihre Zeit mit.“ Emilia muss da den Weihnachtsmann leider unterbrechen. „Aber die Besucher können doch keine Zeit in einer Schachtel mitbringen und sie vorn in der Kirche ablegen. Das geht nicht. Habe ich vorhin nicht gesehen.“ 

Der Weihnachtsmann erklärt

 Der Weihnachtsmann behält seine ruhige Stimme und erklärt Emilia weiter: „In einer Schachtel kann man keine Zeit einpacken, da hast du vollkommen recht, liebe Emilia. Aber jeder Mensch - und auch du - hat nur eine begrenzte Zeit auf der Erde, eine begrenzte Lebenszeit. Und von dieser begrenzten Lebenszeit haben alle Gottesdienst-Besucher einen kleinen Teil, nämlich die eine Stunde, die die Feier gedauert hatte, als Geschenk dem lieben Gott gebracht. Sicherlich hätten alle Besucher in dieser Zeit auch gern zu Hause einen kleinen Mittagsschlaf gemacht oder den Kaffeetisch gedeckt oder so wie du vielleicht gespielt. Aber sie haben sich für den Besuch in der Kirche wegen der Feier des Geburtstags von Jesus Christus entschieden. Sie haben eine Stunde ihrer Lebenszeit geschenkt. Verstehst du das, Emilia?“ Emilia hat das verstanden. 

Der Weihnachtsmann wendet sich an alle Hörer

 „Wenn ich noch etwas anfügen darf, liebe Emilia, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer klein und groß. Du, liebe Emilia, hast heute eine Stunde als Geschenk in der Kirche verbracht. Anschließend bist du mit deinen Eltern wieder nach Hause gegangen. Das ist schön.
Es gibt aber auch viele, viele ältere Menschen, die in einem Alten- oder Pflegeheim leben und die keinen Menschen haben, der eine Stunde für sie opfern kann. Oder es sind Menschen, die zwar noch Angehörige haben, die sich aber leider nicht um sie kümmern. Auch nicht zu Weihnachten. Wäre es da nicht ein supertolles Geschenk für diese Menschen, sich gerade zum Weihnachtsfest um sie zu kümmern, sie zu besuchen, ihnen ein klein wenig eigene Zeit zu schenken.
Dazu braucht keiner erst ins Kaufhaus zu rennen und irgendeinen Unsinn kaufen. Da reicht es aus, das kostbarste was alle haben – Zeit – zu schenken. Einfach bei den einsamen Menschen sein, vielleicht mit ihnen zu singen, etwas erzählen und sich die Gedanken und Sorgen der alten Menschen anzuhören. Oft sind die Ehemänner der alten Frauen im Krieg umgekommen. Oder Krankheiten, Unfälle oder andere schlimme Begebenheiten haben Eheleute, Kinder, Verwandte, Bekannte oder Freunde schon sterben lassen und die alten sitzen jetzt ‚verlassen und vergessen‘ im Heim.
Vielleicht hat die eine oder andere Hörerin oder der eine oder andere Hörer Zeit und Lust einen kleinen Teil seiner Lebenszeit einem alten Menschen zu schenken. Und vielleicht entstehen daraus auch neue Freundschaften. Wäre doch toll, oder?“
Einen Augenblick schweigt jetzt der Weihnachtsmann. Und auch Emilia und die im Zimmer sitzende Familie ist still.  
Das Gespräch zwischen Emilia und dem Weihnachtsmann im Radio haben viele Kinder und Erwachsene gehört. Und in der einen oder anderen Familie wird schon überlegt, wie sie das Weihnachtsfest im kommenden Jahr feiern wollen. Und in der einen oder anderen Familie wird bestimmt auch ein Besuch im Alten- oder Pflegeheim fest mit eingeplant. Die Idee des Weihnachtsmannes finden sie super.
Mit den Worten: „Ich wünsche allen großen und kleinen Hörerinnen und Hörern ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest!“, verabschiedete sich der Weihnachtsmann.
Der Sprecher im Radio sagte noch: „Jetzt muss er sich aber beeilen, damit er noch rechtzeitig die Geschenke zu euch bringen kann. Tschüss Weihnachtsmann! Frohes Fest!“ Und in die leise beginnende Weihnachtsmusik fragte dann der Sprecher: „Na, war das eine Weihnachtsüberraschung, Emilia?“