Dann endlich, ein vernehmliches Quietschen kündigt eine sich nähernde Straßenbahn an. Die Tram der Linie 4 fährt vorbei und hinter ihr bleibt die Straße so ruhig liegen wie zuvor. Radfahrer, Fußgänger - aber weit und breit kein Auto. Gents Innenstadt ist seit mehr als zwei Jahren verkehrsberuhigte Zone. Nur sehr wenige Autos dürfen in die Innenstadt fahren. Es gibt Sonderregelungen für Anwohner, Lieferverkehr und für Menschen mit Geheinschränkungen und klar, auch die Rettungsdienste haben freie Fahrt. Parkmöglichkeiten gibt es so gut wie keine, wenn überhaupt kann das Auto unterirdisch abgestellt werden.
Wer mit dem Auto durch die Innenstadt fährt, muss wissen, dass er oder sie hier am Ende der Nahrungskette steht. Soll heißen, Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang. Und Radfahrer gibt es reichlich in Gent. Hier ist die Aufmerksamkeit des Fußgängers durchaus gefragt, denn sie kommen tatsächlich aus allen Richtungen. Was allerdings auch gesagt sein muss: Ausnahmslos hielten die Radfahrer an Zebrastreifen an und ließen Fußgänger passieren. Fietsen, also Radfahren, erfreut sich in Belgien ohnehin großer Beliebtheit. Entsprechend groß ist das Angebot für Radfahrer.
Es gibt auch in Falkensee Menschen, die das Zentrum der Stadt gern autobefreit sehen würden. Und es gibt die Gegner einer autofreien Bahnhofsstraße. Manch einer kann sich eine autofreie Innenstadt auch nur nicht vorstellen. Wie soll das gehen? Wie kann Verkehr mit weniger Autos funktionieren? Na dann, auf nach Gent und nachschauen. Klar, Gent ist nicht Falkensee, nicht alles lässt sich kopieren und übernehmen.
Gent hat 250.000 Einwohner, davon sind rund 65.000 Studenten. Also eine vergleichsweise junge Stadt. Gent, das auch als das Venedig Belgiens gilt, lockt zusätzlich jährlich viele Besucher an. Kaum anzunehmen, dass die Touristen alle mit dem Tretroller anreisen. Taten wir auch nicht. Das Auto wurde in einer Tiefgarage abgestellt und erblickte erst wieder bei der Abreise das Tageslicht.
Gent hat andere Herausforderungen als Falkensee zu meistern. Eines darf man aber wohl annehmen, auch die Bewohner der alten Handelsstadt wollten ganz sicher keine geschäftlichen Einbußen hinnehmen. Dennoch, man hat es versucht. Auch in Gent passierte die autofreie Innenstadt nicht einfach so von heute auf morgen. Jahrelange Planung war nötig. Der grüne Stadtrat für Mobilität, Filip Watteeuw, hatte federführend für die verkehrsberuhigte Innenstadt gesorgt. Laut einem NWS-Bericht, einem Nachrichtenportal aus Flandern, blieb bei der Eröffnung der verkehrsberuhigten Innenstadt ein Verkehrschaos aus.
Ab 2020 werden die Regeln für den Autoverkehr in Gent noch einmal verschärft und die Innenstadt zur Umweltzone erklärt. Neben drei Tram-Linien fährt ein kleiner blauer Elektro-Bus durch das Stadtzentrum und bringt Fahrgäste von A nach B. An den Wochenenden ergänzt die Hop-on-Hop-off-Wasserstraßenbahn das Angebot im öffentlichen Nahverkehr.
Dazu kommen Fahrräder. Es gibt verschiedene Stationen zum Ausleihen eines Rades. An jeder Ecke Fahrradständer, die oft chronisch überfüllt sind. Wer Abends am Kino vorbeilaufen möchte, muss sich durch allerhand Lenker und Pedale arbeiten. Kostenlose Fahrradparkhäuser gehören ebenso zum Programm. Radfahren ist hier die normale Art der Fortbewegung geworden. Und möglicherweise mag es nur der Ausschnitt sein, in dem sich der Beobachter bewegt, doch irgendwie wirken jene, die da in Gent in die Pedalen treten, im Durchschnitt deutlich schlanker, als die Besucher und Touristen der Stadt.
Ob Verkehrsberuhigung Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung, nicht nur in Sachen reine Luft hat, wäre sicherlich eine spannende Frage. Ja, es lohnt sich mal vorbei zu schauen, denn Gent hat einiges zu bieten. Viel Geschichte, Kunst, Kultur, leckeres Bier und gutes Essen.
Apropos Essen: Gent rief als erste Stadt Europas, vor zehn Jahren bereits, einen Veggie-Day, flämisch Veggiedag, aus. Donnerstags kommt in Kantinen und Kitas kein Fleisch oder Fisch auf die Teller. Auch Restaurants beteiligen sich am fleischfreien Donnerstag. Das aber nur so nebenbei.