"Die Kamera guckt in Richtung der Ausgabe von Burger King", erklärt Christoph Neubauer die 3D-Grafik, die den Wartesaal um 1925 zeigt. Bisher scheint nur die Mittagssonne durch die Fenster rein, ansonsten ist der Raum noch leer. Täglich zehn bis zwölf Stunden sitzt der Frankfurter Künstler seit September zu Hause am PC – und baut den Bahnhof vor 1945 nach. 
"Jedes Scharnier, jeden Backstein – mehrere Millionen Elemente setze ich per Maus in meiner Software an ihren Platz", sagt Neubauer. Als Grundlage für seine 3D-Modelle dienen dem Künstler  alte Postkarten. Die stecken ihm Frankfurter immer wieder in den Briefkasten, ebenso wie alte Fotos. "Für den Wartesaal habe ich nur ein Farbfoto  auftreiben können", sagt der 49-Jährige.

Weltweit unterwegs

Weltweit hat Neubauer seine 3D-Standbeine: Er modellierte bereits Hitlers Reichskanzlei und Führerbunker in Berlin detailgenau nach, war beruflich über Jahre in Südafrika tätig, hat einen Vertriebspartner für seine Berlin-DVDs in Chicago. Mit dem Kleisthaus ging es 2012 in die Oderstadt zurück, vorerst nur virtuell. Neubauer produzierte den Film "Das Kleist-Geburtshaus" für das Kleist-Museum. Der Film stellt in einer 3D-Computeranimation die Baugeschichte des Geburtshauses von Heinrich von Kleist in der Großen Oderstraße 26 dar und zeigt zudem die Innenräume des ersten Kleistmuseums, das ab  1922 in zwei  Räumen des Hauses eingerichtet wurde.
Seit fünf Jahren wohnt Neubauer wieder in Frankfurt. Seitdem arbeitet er akribisch an seinem über 20-jährigen Projekt – das mittelalterliche Frankfurt in 3D nachzubauen und virtuell erlebbar zu machen. "Der Bahnhof war das Tor zur Stadt, deswegen beginne ich mit ihm", erläutert der Künstler.  Dann geht es die Bahnhofstraße weiter, über den Wilhelms- bis zum alten Marktplatz. "18 000 Fotos bildeten die Basis für die Reichskanzlei –  für ganz Frankfurt habe ich nur 8000", sagt Neubauer. Stadtkarten aus dem Katasteramt sind die Grundlage seines Frankfurt-Projekts.  Nach und nach wolle er Ziegelstein für Ziegelstein "durch meine Augen nachbauen, modellieren".

Virtuelle Brillen und Animationen

Mit virtuellen Brillen Frankfurter Schulklassen durch die alte Oderstadt laufen lassen, dabei im Kleisthaus Hallo sagen oder sich von einer ratternden Straßenbahn mitnehmen lassen – das ist Neubauers Vision. "Ich alleine kann das nicht schaffen. Insbesondere deswegen nicht, weil ich das Projekt unentgeltlich mache", sagt er. Sein Brot verdient er zurzeit mit seinen Büchern. Alle seine Konzepte für das 3D-Frankfurt-Projekt ließ die Stadt bisher unbeantwortet. Das sei schade, aber er arbeite, neben seinen Aufträgen in Berlin, daran weiter, so der Künstler. Mit Stühlen, Tischen, Lampen und einer Wanduhr wird Neubauer die Wartehalle im Bahnhof in den nächsten Wochen noch bestücken. Den fertigen Raum wird er dann als 3D-Film auf seiner Facebookseite "Atelier Neubauer" posten. Möglicherweise erinnert sich dann der eine oder andere Frankfurter, wie es einmal dort ausgesehen haben könnte, wo er gerade in den Burger beißt.