"Einer der letzten Zeugen" - so eine Schlagzeile im Stadtboten vom 23. November 2012. Der Beitrag rückte Dr. Werner Groß in den Fokus. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte der Mediziner im Lager Gronenfelde zurückkehrende deutsche Kriegsgefangene untersucht. Auch Groß war bei dem allgemeinen Elend über Mitglieder der Heeresgruppe Kurland verwundert, die sich in einem auffallend guten körperlichen Zustand befand. Da auch mein Vater Wilhelm Neumann Angehöriger der Heeresgruppe Kurland war, habe ich möglicherweise eine Erklärung gefunden - in den Tagebüchern meines Vaters Wilhelm und meiner Mutter Charlotte.
Auszüge aus dem Tagebuch von Wilhelm Neumann:
Windau/Lettland, 1. Mai 1945: "Wie ein dumpfes Grollen des endgültigen Einsturzes kündigt sich der Zusammenbruch an. Aber noch geht die Arbeit und der Dienst weiter. Bunker werden gebaut, als ob nichts bevorstünde. Die deutschen Sender können wir nicht mehr empfangen. Sie sind alle in feindlicher Hand. Kapitulationen am laufenden Band."
Windau, 8. Mai 1945: "Es ist bekannt geworden, dass die Kurland-Armee kapituliert hat. Da kommt ein Anruf, wie so oft am Tage. Aber es muss was Besonderes sein. Paule teilt uns mit, dass der Alte angerufen hat. Packt eure nötigsten Sachen zusammen und seht zu, dass ihr auf ein Schiff kommt. Im Laufschritt geht es zum Hafen. Hier herrscht ein heilloses Chaos. Wo sind auslaufende Schiffe? Die Fährdampfer sollen zu den auf Reede liegenden Schiffen fahren. Aber nichts ist. Jetzt kommt ein Schiff mit Namen Brautente, fährt aber eine andere Stelle des Hafens an als die, an der wir stehen. Wir schlagen uns also durch das völlig verstopfte Hafengelände zur Anlegestelle. Der Kapitän legt eigentlich gar nicht an, sondern fährt mit etwa einem Meter Abstand langsam am Kai vorbei. Wir sind gezwungen zu springen, ein Rückwärts gibt es nicht mehr."
Auf der Ostsee, 9. Mai 1945: "Auf der Kommandobrücke steht der Kapitän dauernd am Fernglas. Einen angebotenen Schnaps schlägt er aus, denn es kämen jetzt die aufregendsten Stunden, die einen klaren Kopf erfordern. Der Russe ist hinter uns her und wird versuchen, möglichst wenige von der Kurland-Armee entkommen zu lassen. Gegen Mittag wird Schiff voraus ein Leuchtturm sichtbar. Da löst sich die Spannung etwas. Der Kapitän erklärt uns, dass vier Verfolger hinter uns her wären. Er wird jedoch bald in schwedischen Hoheitsgewässern sein, so dass dann die Gefahr gebannt ist. In verstümmelt empfangenen Funksprüchen war zu erkennen, dass der große Konvoi nachts angegriffen wurde und große Verluste entstanden sind. An der Nordspitze Gotlands gehen wir vor Anker. Mit den Ferngläsern erkennen wir die in sonntäglichen Kleidern im Hafen wartenden Schweden. Keine zerstörten Häuser, keine Ruinen, ein Stadtbild nicht vom Kriege gezeichnet. Friedlich. Glückliches Land, glückliches Schweden. Schmerzlich denkt man an Deutschland, nicht wissend, ob das eigene Heim noch steht, ob Frau und Kinder noch am Leben sind."
Kalmar, 11. Mai 1945: "In Schweden wird um 5 Uhr zum dritten Mal gespeist, nicht weniger gut als bei den anderen Mahlzeiten. Wir kommen uns vor wie in einem Sanatorium. Milch, Butter, Bohnenkaffee, Wurst, alles schmackhaft und ausreichend."
Ränneslett, Nähe Ecksö, Juni 1945: "Die Tage sind ausgefüllt. Es gibt genügend Abwechslung. Mehrere Kompanien gehen täglich zur Arbeit, zum Wegebau. Wer nicht daran teilnehmen möchte, kann zurückbleiben. Im Lager sind Kurse für Englisch, Französisch, Schwedisch und Russisch eingerichtet. Die Lagerinsassen halten Vorträge in ihrem Fach- oder Interessengebiet. Nach dem Eintreffen von Balten, die in einer deutschen Einheit dienten, ist das Lager immerhin auf etwa 1000 Mann angewachsen. Die Internierten haben sich eingerichtet und sind froh, noch am Leben zu sein. Sorgenfrei sind sie bei den Nachrichten aus der Heimat keineswegs. Aus der Lagerzeitung erfahren sie von der Aufteilung Deutschlands, von Vertreibung und auch von den Gräueltaten, die den Deutschen voll Abscheu angelastet werden. Nur von ihren Familien kommen noch keine Nachrichten an."
Mein Vater wird zusammen mit einem weiteren Architekten vom Lagerkommandant für Bauüberwachungen im Lager und für Planungsleistungen am nahe gelegenen Kasernengelände eingesetzt. Mein Vater schrieb: "Dunkelheit liegt über unserem Volk. Man wünscht sich manchmal, nicht in dieser Zeit zu leben. Und doch müssen wir leben. Nur Familie Frau und Kinder wiedersehen, sonst keine Ansprüche mehr stellen. Nichts mehr von Politik und Krieg wissen."
Hier reißt plötzlich die Berichterstattung im Tagebuch meines Vaters ab. Aus anderer Quelle ist zu erfahren, dass die Sowjetunion in einer Note am 2. Juni 1945 die Auslieferung der Männer forderte. Insgesamt hatten sich bis zu 3000 deutsche Soldaten nach Schweden abgesetzt, die in sechs Lagern interniert waren. Die schwedische Regierung kam in Zusammenhang mit einem ins Haus stehenden Wirtschaftsabkommen mit der Sowjetunion, der Forderung nach. In den Lagern gab es massive Proteste, Hungerstreiks, Verstümmelungen und Suizid. Auch in der
schwedischen Bevölkerung gab es Proteste. Die schwedischen Wachmannschaften einschließlich Offiziere verweigerten die Befehle zur Auslieferung. Schließlich wurde die Staatspolizei mit der Durchführung beauftragt. Der schwedische König entschuldigte sich später für den übereilten und fehlerhaften Auslieferungsbeschluss.
Durch die Planungstätigkeit für den Lagerkommandant Montgommery lernte mein Vater auch dessen Familie kennen. Montgommery war mit einer deutschen Architektin verheiratet. Bei Auflösung des Lagers übergab mein Vater alle Unterlagen wie sein Tagebuch, Zeichnungen und das gesparte Geld. Ja die Internierten bekamen im Lager 1,20 Kronen pro Tag für die notwendigsten Einkäufe. Frau Montgommery schickt fortan häufig Pakete an meine notleidende Familie in Frankfurt. Da war auch das Tagebuch meines Vaters, von ihr aufgenommene Fotos aus dem Lager, sowie die anderen Unterlagen mit dabei.
Auszüge aus dem Tagebuch von Charlotte Neumann: "Die Tränen rollten vor Freude und Dankbarkeit beim Auspacken der Kostbarkeiten. Haferflocken,
Reis, Kakao, Schuhwerk, Handtücher, ein Lammfellmantel und weitere Bekleidung. Für die Kinder kam Schokolade und für Tochter Roswitha sogar eine Puppe namens Wiwika."
In der sowjetischen Gefangenschaft war mein Vater wieder im Baltikum, in Lettland. Als Ingenieur gehörte er einem Baukommando an, das an Aufbauobjekten in Lettland beteiligten waren. In Riga wurden ein Superphosphat-Werk-, ein Fahrradwerk und ein Fleischkombinat errichtet. Weiterhin wurde die Rigaer Oper instand gesetzt.
Da Lettland mit Deutschland sympathisierte und jetzt wieder von den ungeliebten Russen besetzt war, ist zu vermuten, dass die Letten vor Ort mit den deutschen Gefangenen recht menschlich umgingen. In einer Karte an die Familie zu Weihnachten 1948 berichtet mein Vater von guter Verpflegung und "kräftig duftenden Bohnenkaffee" zur Weihnachtsfeier und weiteren Beigaben zur Weihnachtsfeier die gekauft wurden. Also gab es auch hier etwas Geld.
Erst im März 1949 erfolgte die Entlassung meines Vaters aus der Gefangenschaft und der Rücktransport nach Frankfurt. Unser Haus in der Feuerbachstraße lag direkt am Bahndamm und an der Bahnstrecke auf der die Transporte abgewickelt wurden. Wir Kinder waren oft auf dem Bahndamm, weil dort zu dieser Zeit viel los war. Russentransporte hin und her sowie Rücktransporte der Heimkehrer. Ich stand mit meinem Freund wieder einmal auf dem Bahndamm, da ließ ein Mann aus einem Waggon der Heimkehrer einen Zettel flattern. Darauf stand: "Ich bin da, Willi!" Es war also mein Vater der da seine Ankunft ankündigte.
Ich erinnere mich, dass die ganze Familie dann, nach dem Quarantäneaufenthalt der Heimkehrer, voller Freude zum Empfang bereit stand und zu Hause ein Freudenfeuer auf der Wiese entfacht wurde.
Meine Mutter schreibt neben Freude und Erleichterung später in ihr Tagebuch nach all dem Elend das sie bei den Heimkehrern gesehen hat. "Die Heimkehrer kommen jetzt gepflegter nach Hause".
Möglicherweise war es dieser Transport der mit Marschmusik ins Frankfurter Heimkehrlager einmarschierte und von Dr. med. Werner Groß untersucht wurde.