Märkische Oderzeitung: Herr Ciszewciz, mit diesem Interview wollen wir Sie den Frankfurtern etwas vorstellen. Welche Kontakte hatten Sie bisher nach Deutschland?
Tomasz Ciszewicz: Vor allem berufliche. Es ging da um die technologische Entwicklung meiner bisherigen Firma, eines Geodäsie-Unternehmens. Aber ich kenne auch einige Frankfurter aus der Zeit, als ich schon einmal Stadtverordneter war. Und ein bisschen Deutsch spreche ich auch. Ich profitiere nämlich davon, dass meine Kinder in der Schule Deutsch lernen. Ich selbst habe in der Schule wie damals üblich Russisch gelernt und spreche es sehr gut. Leider beherrsche ich nicht noch mehr Sprachen. Aber momentan habe ich auch keine Zeit, um neue zu lernen.
Sie sind jetzt seit einem Monat im Amt. Was hat sich seither für Sie verändert?
Die Arbeit in der Verwaltung steht jetzt im Mittelpunkt. Ich erfahre von Problemen, von denen ich bisher nichts oder nur wenig wusste. Das betrifft ein weites Feld vom Sport bis hin zur Entwässerung. In manchen Bereichen muss ich dazulernen. Dazu zählen Rechtsfragen, Finanzangelegenheiten oder das Bildungswesen. Aber ich lerne auch Neuigkeiten, die sich aus Änderungen im polnischen Recht ergeben haben. Sehr interessant ist etwa die neue Möglichkeit, private Kindergärten und Schulen zu eröffnen.
Wie man hört, ist Slubice hochverschuldet.
Ja leider, und als Bürgermeister kann ich mir einen noch genaueren Eindruck darüber verschaffen. Leider hat sich herausgestellt, dass die Informationen, die ich darüber hatte, nicht komplett der Wahrheit entsprachen. Dennoch geht es jetzt darum, in Ruhe die Dinge anzugehen, die ich im Wahlkampf zugesagt habe.
Früher galt Slubice als eine der reichsten Kommunen Polens. Wie konnte sich die finanzielle Situation der Stadt so verändern?
In den neunziger Jahren war Slubice noch in einer komfortablen Situation. Die Grenze war geöffnet worden, der grenzüberschreitende Handel blühte auf. Eine maßgebliche Ursache dafür waren das Preis- und Lohngefälle. Die Stadt entwickelte sich sehr dynamisch. Arbeitsplätze entstanden, zwei Märkte, Institutionen... Dann geriet mit Europa auch Polen in eine Krise, und darauf war die Stadt nicht vorbereitet. Es stellte sich heraus, dass viele Unternehmer nur auf schnellen Profit aus waren. So fehlen uns Investitionen, die für eine funktionierende Gemeinde nötig sind. Dazu zählen Wohnungen. Wir haben in Slubice die Situation, dass etwa 600 Menschen auf eine Wohnung warten.
Frankfurt und Slubice haben teilweise ähnliche Probleme, auch was die Schulden angeht.
Davon hat Oberbürgermeister Wilke bei unserem ersten Arbeitstreffen im Dezember noch nichts erwähnt. Aber ich weiß natürlich, dass es diese Schwierigkeiten auch bei Ihnen gibt. Für mich persönlich sehe ich es deshalb als Vorteil an, dass ich parteilos und unabhängig bin. Ich weiß, dass ich unpopuläre Entscheidungen treffen muss, die nötig sind, um den Haushalt der Stadt zu konsolidieren. Die Stadtverordnetenversammlung braucht jemanden, der sich nicht fürchtet, diese schwierigen Entscheidungen zu fällen. Ich denke auch, dass mir die Abgeordneten in diesen Fragen oft folgen werden.
Wie wollen Sie sparen?
Ich muss mich natürlich an die Vorschriften halten. Es geht zum Beispiel um Verwaltungsmitarbeiter, die unter anderen Bedingungen als die in der freien Wirtschaft arbeiten und gesetzlich verbriefte Privilegien haben, etwa was längeren Urlaub angeht. Es gibt Mitarbeiter in der Verwaltung, die keine Spezialisten und eigentlich auch nicht unersetzlich für die Verwaltung sind. Aber sie arbeiten hier.
Wie viele Mitarbeiter hat die Verwaltung und wie viele sollten es künftig sein?
Jetzt sind es 190, das sind viele. Größere Städte kommen mit weniger Mitarbeitern aus.
Was ist Ihr wichtigstes Vorhaben in der Zusammenarbeit mit Ihrer Nachbarstadt Frankfurt?
Die Frage des Nahverkehrs. Allerdings glaube ich nicht, dass das eine Straßenbahnverbindung sein muss. Darauf ist Slubice nicht vorbereitet. Die Straßen sind zu eng dafür, auch für große Autobusse. Ich denke, dass kleine Autobusse fahren sollten. Die Menschen in Slubice warten auf einen öffentlichen Nahverkehr. Wir sollten ihn im Laufe dieses Jahres einrichten. Das zweite wichtige Thema, wenn es um Frankfurt geht, ist der Tourismus. Es geht darum, stärker die Möglichkeiten des jeweils anderen zu nutzen. So hat Slubice keine Denkmäler. Wer in Slubice zu Gast ist und Denkmäler besichtigen möchte, kann das aber in Frankfurt.
Tomasz Ciszewicz lebt seit zwölf Jahren in Slubice. Der 42-jährige Inhaber einer Geodäsie-Firma mit neun Mitarbeitern ist als Parteiloser zur Wahl angetreten, unterstützt von einem kleinem Team namens „Slubiczanie razem“ (Slubicer gemeinsam). Seine Firma wird er während seiner vierjährigen Amtszeit nicht führen. Das ist nach polnischem Recht auch nicht möglich.
Von 2002 bis 2006 leitete Ciszewicz die Slubicer Stadtverordnetenversammlung. Seine Frau Katarzyna ist Krankenschwester. Das Paar hat zwei Kinder: Agata (8) und Maciej (15). Entspannen kann sich der Bürgermeister nach eigenen Worten mit seiner Familie und bei der Gartenarbeit.