Heute wird gestreikt. Rechtmäßig organisiert unsere Arbeitnehmervertretung Ver.di diesen Streik. Warum machen wir Fahrer da überhaupt mit? Schließlich bekommen wir für den Zeitraum, in dem gestreikt wird, keinen Lohn. Was verdient so ein Bus- und Tramfahrer überhaupt? Die sind doch Kommunalbeschäftigte - denen muss es doch gutgehen!?
Es geht uns auch gut - gesundheitlich zumindest. Schließlich unterziehen wir uns regelmäßigen Untersuchungen, die belegen müssen, dass unsere Gesundheit den Anforderungen zum Erhalt der Personenbeförderung entspricht. Finanziell sieht das anders aus. Wenn ein Fahrer in Potsdam, Brandenburg, Cottbus oder Frankfurt in den Fahrdienst einsteigt, hat er durchschnittlich 1250 Euro auf der Hand. Sicherlich gibt es schlechter bezahlte Jobs. Doch dieser Fakt ist kein Maßstab für den Wert einer jeweilig geleisteten Arbeit.
Und wir Fahrer machen unseren Job gern und von Herzen. Diese innere Motivation ist auch die Kraft, auf der ein Fahrer in einem 10- bis 13-Stunden-Dienst aufbaut. Auch wenn er oftmals in einem nicht klimatisierten Fahrzeug sitzt, wo bei 25 Grad Außentemperatur in der Fahrerkabine schnell 40 Grad herrschen. Aber das ist unser Job, den wir uns ausgesucht haben und dessen Negativseiten wir uns auch bewusst sind. Oder was glauben Sie, warum wir morgens um Zwei aus den Federn krauchen? Warum lassen wir unsere Liebsten auch Weihnachten ohne uns unterm Baum sitzen? Warum kämpfen wir uns in jeder erdenklichen Situation durch den Verkehr? Weil wir Berufskraftfahrer sind und schlichtweg das können, wofür nicht jeder, der eine Fahrerlaubnis besitzt, geeignet ist.
Bestimmt hören Sie gelegentlich Leute jammern, die einen Termin mit dem Auto in Berlin wahrnehmen müssen. Rein zeittechnisch machen wir in jedem Dienst einen Ritt von Berlin bis nach Wien/Österreich. Da sitzen wir nicht gemütlich in der Fahrerkabine, sondern bedienen komplexe Technik und tragen die Verantwortung für die Sicherheit von bis zu 160 Menschen.
Dabei ist nicht jeder Fahrgast nett oder neutral. Oder besitzt einen gültigen Fahrschein. Manchmal ist die Arbeit am Ruder eine Karussellfahrt der Despektierlichkeiten und trotzdem verlassen wir nicht das Steuer, um uns weinend in die Haltestelle zu setzen. Wir schlucken runter und fahren weiter.
Die letzte Tarifanpassung liegt über ein Jahrzehnt zurück. In dieser Anpassung ging es um den Verzicht von Prozentpunkten seitens der Arbeitnehmer, weil es sonst zu betriebsbedingten Kündigungen gekommen wäre. Natürlich will keiner von uns dem Betrieb schaden. Wenn aber Bund und Land von sprudelnden Steuereinnahmen spricht und dabei die, die den Motor des alltäglichen Lebens für jeden Steuerzahler am Laufen halten, vergessen, ist irgendwann das Maß voll.
Unser Chef, Herr Worf, wünscht sich von uns, dass wir bei der Arbeit öfter lächeln sollten, wenngleich so manche Geldbörse der Fahrer aus Zwiebelleder ist. Die Erwartungshaltung der Führung stimmt mit der Situation der Beschäftigten nicht ganz überein.
Lieber Chef, Sie haben sich bislang sehr zugänglich Ihren Mitarbeitern präsentiert. Ich finde es daher bedauerlich, dass Sie gleich zu Beginn Ihrer Tätigkeit so einen Arbeitskampf ertragen müssen. Von unserer Warte aus gesehen sind Sie einer von uns - zwar nicht als Kampfgefährte, aber sozusagen als Empfänger begrenzter Mittel. Sie wissen am besten, was Sie benötigen. Und gern sind wir die Mannschaft hinter Ihnen, die die Fahrgäste durch Frankfurt fährt und jeden zu seinem Ziel bringen und damit genau den Service bieten möchte, dessen Slogan auf unseren Fahrzeugen steht: Qualität durch Service! Wir, Ihre Leute, arbeiten weit unterm Preis. Deshalb ist es genau jetzt Ihr politischer Job, Ihren Fahrern eine leistungsgerechte Bezahlung zu verschaffen. Also lassen Sie es nicht unnötig zu Verzögerungen kommen, sondern fordern für Ihren Betrieb das ein, was uns zusteht.