Im Herbst ist es Zeit für Winterspeck – eindeutig ist das auf den Grünflächen vom Ziegenwerder in Frankfurt (Oder) zu sehen, der teilweise einem frisch durchpflügten Acker gleicht. Spuren von Wildschweinen, die abends und nachts im Boden nach Nahrung suchen. „Vor einem Monat lief mir eine Schweine-Familie über den Weg, 40 Meter vor mir“, erzählt ein Spaziergänger an der Oder.
Die Tiere brechen mit ihren Rüsseln die feuchte, oberste Erdschicht auf und buddeln Eiweißlieferanten wie Eicheln, Wurzeln und Engerlinge heraus. Auch Komposte im Garten steuert das Schwarzwild besonders gerne an, samt der ganzen „frischen“ Gemüse-, Obst- und Gartenabfälle. Viele der ungewollten Futterstellen liegen gut geschützt, im hinteren Gartenteil – oder in direkter Nähe zum Unterholz, erklärt der Jäger Wolfgang Gielisch, Vorstandsmitglied des Kreisjagdverbandes Frankfurt (Oder).

Zurzeit darf wegen der Schweinepest kein Wild erlegt werden

Aufgrund der städtischen ASP-Seuchenverfügung darf bis auf Weiteres derzeitig kein Wild geschossen werden. Stattdessen helfen die Frankfurter Jäger bei der Suche nach Wildschweinen, die mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert sind. „Zum Glück gab es dabei noch keine Auffälligkeiten“, sagt Gielisch. Über ein Meldeprotokoll und eine WhatsApp-Gruppe geben die rund 100 Jäger ihre Daten an das Veterinäramt weiter.
Drei bis vier Zentimeter Speck mampft sich das Schwarzwild im Herbst an. Gerade die Oderwiesen, Maisfelder oder städtische Grünflächen sind ideale Orte für die Energiezufuhr. „Wildschweine erobern die Städte, neben Waschbären und Füchsen“, sagt Wolfgang Gielisch. Zehn Waidmänner besitzen in Frankfurt die Sondergenehmigung für die befriedeten, städtischen Bereiche.
Nur mit dieser speziellen Erlaubnis dürfen geschulte Jäger in der Stadt jagen. Kein Wunder – eine Gewehrkugel kann ungestört zwei Kilometer weit fliegen. „ Ein ‚Kugelfang‘ muss immer sicher sein“, erläutert Gielisch; dabei tritt die Kugel aus dem Tier wieder aus und bleibt beispielsweise im Boden hängen.

Schwarzkittel mögen geschützte und ruhige Orte

„Die letzten Schweine und Rehe habe ich im Botanischen Garten geschossen“, sagt Falk Höner, der seit 32 Jahren auf die Jagd geht. Entweder entdecken er und seine Kollegen die geschützten und ruhigen Orte, an denen sich die Rotten aufhalten. Oder Frankfurter melden ihre zerwühlten Rabatten oder kaputten Zäune dem Ordnungsamt, wenn das Schwarzwild bei der Nahrungssuche zu sehr auf Tuchfühlung geht. Das Ordnungsamt schaut, in welchem Jagbereich die Bürger gestört werden, und meldet das dem zuständigen Jäger.
887 Wildschweine wurden in der Jagdsaison 2019 im Frankfurter Stadtkreis erlegt, der von Booßen bis Lossow reicht. Davon 255 Tiere im Stadtgebiet. „Als ich vor 54 Jahren anfing zu jagen, haben wir pro Jahr fünf Wildschweine geschossen“, sagt Erdmann Greiser, der für den südlichen Teil von Frankfurt zuständig ist. Güldendorf, der Ziegenwerder, die Oderbrücke bis nach Markendorf gehören zu seinem Jagdbereich.

Jagd auf dem Ziegenwerder meistens zu gefährlich

Vor dem Jagdverbot erlegte der Frankfurter noch zwei Wildschweine in der Nähe vom Sozialgericht. Ebenfalls auf der Abrissfläche in Neuberesinchen ging er öfter auf die Pirsch. „Auf dem Ziegenwerder ist es wegen der vielen Besucher schwierig – selbst nachts“, sagt Greiser. Fangeinrichtungen will er an der Oder aufstellen, wenn das Verbot wieder aufgehoben wird – das sei ungefährlicher. Als Grund für die „Explosion der Wildschwein-Bestände“ – 2016 waren es noch 589 erlegte Tiere – sieht Greiser den Maisanbau, zu warme Winter und eine beinahe jährlich einsetzende Eichelmast. „Dazu kommt ihre Schlauheit, Kraft und eine Reproduktionsrate von 300 Prozent“, erläutert der Jäger. Letzteres wird dadurch möglich, dass schon Frischlinge geschlechtsreif sind und wieder Nachwuchs bekommen.

Im Tarnanzug auf die Pirsch gehen

Halten sich „Problem-Schweine“ im städtischen Bereich auf, der an seinen Jagdbereich grenzt, geht Wolfgang Gielisch auch mal im Tarnanzug auf die Pirsch. „Manche Spaziergänger hielten uns schon für Terroristen oder andere Verbrecher, wenn wir mit unserem Gewehr aus dem Gebüsch kamen“, erinnert er sich. Keine Panik – es sind vorsichtige Jäger. „Mir und meinen Kollegen ist bewusst, dass die Jagd im Stadtgebiet äußerst sensibel ist“, sagt der Jäger. Doch die Wildschäden werden immer mehr, deshalb sind seit letztem Jahr auch Wärmebildkameras bei der Jagd erlaubt. „Damit wir nicht nur in den Mondphasen jagen können“, erklärt Gielisch.
Eine Gefahr für Spaziergänger stellen übrigens ausschließlich Bachen mit ihren Frischlingen dar – und auch nur in den ersten zehn Lebenstagen der Jungen, wenn Mutter und Kinder unterwegs sind, so Gielisch. Dann sollte man sich im Unterholz den Schweinen nur bis auf 30 Meter nähern. Andernfalls heißt es: Beine in die Hand nehmen – und rennen.