Den roten, eckigen Schornstein sieht man schon vom Kiliansberg aus dem Grün ragen. Auch die eindrucksvolle Fassade zur Gubener Straße ist bis in die Innenstadt zu sehen. Das als Brauereigelände ab Anfang des 19. Jahrhunderts erbaute Gebäude-Ensemble ist prägend für die Gubener Vorstadt und liegt doch verlassen und zum Teil verfallen da. Ein Umstand, der die Aufmerksamkeit von Friederike Dinse und ihren Kommilitonen auf sich zog. "Wir wollen, dass man wieder darüber nachdenkt, wofür sich leerstehende Baudenkmale eignen", sagt die junge Frau, die seit vergangenem Jahr in ihrer Heimatstadt den berufsbegleitenden Studiengang Schutz europäischer Kulturgüter belegt. Die Argumente, die Häuser seien zu verfallen und ohnehin finde man keinen Investor, wollen sie nicht ungeprüft gelten lassen.
Gemeinsam mit dem Restaurator Martin Käferstein und der Kunsthistorikerin Tanja Bernsau will die Volkswirtin Friederike Dinse die alte Brauerei wiederbeleben und den Verfall stoppen. Ein "stadtprägendes Ensemble" seien die Industriebauten, begründet Friederike Dinse das Interesse am Erhalt. Besonders ist der Gewölbekeller mit seinen Granitsäulen und -böden. Auch der eckige Schornstein sei von besonderer Bedeutung.
In einem ersten Schritt haben sich die Studenten in die Geschichte des Geländes vertieft. Sie haben von Ferdinand Schindler gelesen, dem Brauereibesitzer, der die Gebäude erbauen ließ und Namenspatron der angrenzenden Straße ist. 1921 zog die Norddeutsche Bettfedernfabrik Siegfried Neumann ein, davon kündigt ein stark verblasster Schriftzug auf dem Hof. Doch der jüdische Unternehmer wurde in der Reichspogromnacht enteignet und nach Sachsenhausen deportiert. Nach dem Krieg bezog schließlich der Spirituosen-Betrieb Bärensiegel die Räume. "Für jede Nutzung wurden die Gebäude immer wieder angepasst, das macht sie so spannend", findet Friederike Dinse. Und es macht auch künftige Nutzungen denkbar. Für sie auf der Hand liegt die als Wohnraum für Studenten.
Die Volkswirtin ist der Meinung, dass man die täglich vorbeiziehenden Studenten auf dem Weg vom und zum Bahnhof mit dem richtigen Angebot auch zum Bleiben bringen kann. Um diesen Gedanken zu untersetzen, haben sie und ihre Mitstreiter eine Umfrage entworfen, die derzeit an der Universität läuft. Unter dem Titel "Schlafen in Frankfurt Oder?" werden Studenten gefragt, warum sie wo wohnen und was sie sich für Möglichkeiten der Unterkunft wünschen. Bis jetzt haben 400 Studenten teilgenommen und eines zeigt sich schon jetzt: Zeitlich und räumlich flexible Angebote sind gefragt und die Ablehnung gegenüber einem Wohnort Frankfurt nicht so prinzipiell, wie man denken könnte.
Sowohl mit der Stadt als auch mit dem Studentenwerk sind die Studenten im Gespräch. Eine denkbare Perspektive ist, dass Wohnheimplätze langfristig nicht mehr in den weit entfernt liegenden Gegenden angeboten werden und das Studentenwerk dafür mehr auf Campus-nahe Schlafgelegenheiten setzt. Bewusst sollte man sich nach Meinung von Friederike Dinse nicht nur an Studenten, sondern auch an Familien wenden. "Man kann nicht nur immer darüber nachdenken, was alles nicht geht", ist ihr Anliegen.
Was alles gehen könnte, ist parallel die Aufgabenstellung für Architektur-Studenten in Cottbus. In Zusammenarbeit mit dem Projektteam an der Viadrina entwickeln sie Ideen, wie eine Umnutzung des Fabrikgeländes praktisch aussehen könnte. In regelmäßigen Treffen stellen sie ihre Ideen vor und bekommen von den Denkmalschützern aus Frankfurt eine Rückmeldung, was deren Umfrage ergibt. "Unser Ziel ist es, am Ende die Idee von einem Produkt zu haben, mit dem man einen Investor ansprechen kann", spricht die Volkswirtin aus Friederike Dinse. Derzeit ist das Gelände unter Insolvenzverwaltung. Das ursprüngliche Vorhaben des Käufers, ein Einkaufszentrum zu bauen, scheiterte am Denkmalschutz.
Das Areal ist für das Projektteam nur ein Beispiel unter vielen. Auch das Straßenbahndepot am Campus oder die Koehlmannhöfe könnten sich für studentisches Wohnen eignen, finden sie. Allerdings hat der Ferdinandshof, wie sie das Gelände an der Gubener Straße nennen, eine besondere Bedeutung für Friederike Dinse. Als Kind konnte sie von der Wohnung in der Ferdinandstraße auf das Gelände schauen. Später machte sie ihr Abitur nebenan im Friedrichgymnasium. Auch ihr Elternhaus prägte ihre heutige Faszination für alte Häusern: Ihr Vater ist der Denkmalschützer Ulrich Christian Dinse.
Ihr Anliegen, etwas in der Stadt zum Guten zu verändern, ist eine Herzensangelegenheit. Oft vermisse sie ein positives Wir-Gefühl. "Von über 100 Schülern aus meinem Abitur-Jahrgang sind noch fünf hier, vielleicht auch zehn", verdeutlicht sie ein Problem. An der Universität, so ist sie überzeugt, komme man nicht vorbei, wenn man in der Stadt etwas entwickeln will. "Aber Uni und Stadt führen noch ein Parallelleben, sie denken zu wenig aneinander", findet sie. Warum solche Filetstücke wie das Gelände in der Gubener Vorstadt oder der Oderspeicher nicht längst von Studenten belebt wurden, ist nur eine Frage, die sie sich stellt.
Ende des Jahres plant sie mit ihrem Projektteam ein Symposium zum Ferdinandshof. Schon zum Denkmaltag am 13. September hofft sie, die Häuser an der Gubener Straße für interessierte Besucher öffnen zu können.