„Die Welt meines Vaters ist ganz klein.“ Nach der Abi-Zeugnisausgabe am 19. Juni 2021 geht es weg aus dieser Welt. Weg von 20.15 Uhr Traumschiff oder Tagesschau. Weg von den „Männergerichten“, die die Mutter jeden Abend kocht, und weg von Vegetarierwitzen. Weg von der Familie, die den schwulen Bruder nicht akzeptiert.
Von einem ausgedachten Urlaub im Harz soll der Sohn in der Schule erzählen. „Ich will nicht, dass jemand denkt, dass wir Hartzer wären“, sagt der Vater. Es sind sehr private Geschichten aus Frankfurter Familien, erzählt von sieben Schülern, die nach dem Abitur raus wollen aus der Stadt an der Oder. Sie sind „Kleinstadtkinder“, so der Titel des Bürgenbühnen-Stücks, das am Donnerstag Premiere im Kleist Forum feierte – die erste in der neuen Bürgerbühnen-Spielzeit.

Frankfurt (Oder): „Ein Ort, an dem die Menschen nicht wählen“

Das Stück tut ein bisschen weh. Zumindest allen, die in der Stadt leben, arbeiten, wirken oder groß geworden sind. Denn es wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die einzelnen Erfahrungen innerhalb der Familien – versteht es sich doch als dokumentarische Theaterrecherche – sondern schaut auch auf das große Ganze. Und das kommt nicht gut dabei weg.
„Ein Ort, an dem Menschen nicht wählen. Ein Ort, an dem die Gesellschaft einen Knick hat. Ein Ort, an dem die Politiker Schuld sind. Ein Ort, an dem schon lange Industrie angesiedelt werden sollte.“ Investoren springen ab, die Kaufkraft fehlt. In einer Pizzeria in Słubice wird „die Doppelstadt zum Schrottpreis“ verhökert. Plattenbauten werden abgerissen, die Eltern, die dort aufwuchsen, weinen.

Identität zwischen Großstadt und Provinz

Der Vater wählt rechts, er und seine Kumpels beschweren sich über den linken Oberbürgermeister. Und die Tochter? Ist „linksgrün versifft“, schwänzt die Schule, um am Freitag zu demonstrieren, schläft mit einem Geflüchteten. Protest oder Überzeugung? „Wir stehen zwischen Kartoffeln und Koran, zwischen Identität und Klassenverrat, zwischen Großstadt und Provinz.“
Diese Großstädte und vor allem die eine Großstadt in der Nähe, mit der sich Frankfurt eigentlich gar nicht messen muss, kommen immer wieder im Stück vor. „Zwischen Spießigkeit und Urbanität“ sind die Schüler hin- und hergerissen, in der Großstadt herrscht Anonymität. Das Mädchen, das in Polen geboren wurde und es hasst, gefragt zu werden, ob sie Deutsche oder Polin ist, muss sich in Berlin nicht für eine Seite entscheiden. Dort sei egal, woher man kommt.
„Kleinstadtkinder“ ist – auch wenn der Untertitel „Das Glück liegt woanders“ lautet – keine Generalkritik an und -ablehnung von Frankfurt. Das Stück ist keine Abrechnung mit den Eltern. Auch wenn es einen melancholisch zurücklässt. Vielmehr zeigt es die Evolution des Erwachsenwerdens. Und stößt an, was anders werden könnte und müsste in der Stadt.

„Wir wollen das anders machen“

Die Schüler sprechen ihre Eltern am Ende an: „Ihr wart gute Eltern. Ihr habt das wirklich gut gemacht. Aber wir wollen das anders machen.“ Sie bitten darum, ihren eigenen Weg gehen zu dürfen, der nicht dem der Eltern entspricht. Dem die Eltern meistens nicht einmal als solchen sehen. Eher als holprigen Schotterpfad mit Sackgasse. Was ist mit Geldverdienen? Was wird aus dem Haus in der Kleinstadt? Und was zahlst du in die Rentenkasse? Ihre Kinder wollen sich ausprobieren. Und der Weg aus der Kleinstadt ist keine Einbahnstraße.
Happy End? Glücklicher Ausgang? So lautet die Frage am Ende des Stücks. Das kann jede Person im Zuschauerraum selbst bewerten. Wer es anders haben will, geht. Oder bleibt, und macht es besser. Oder: kommt irgendwann wieder.

Weitere Spieltermine


Freitag, 25. September, 18.30 Uhr und 20.30 Uhr

Sonntag, 19.30 Uhr

Dienstag, 29. September, 19.30 Uhr

Mittwoch, 19.30 Uhr

Schulvorstellungen: Montag, 28. September, 9 Uhr und 12 Uhr

Der Eintritt ist frei, aber die Plätze aufgrund der aktuellen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen limitiert. Tickets können unter 0335 4010120, ticket@muv-ffo.de oder an der Kasse im Kleist Forum reserviert werden.