"Unsere erste Demonstration vor zwei Wochen hat einen Beitrag dazu geleistet, dass viele Berufspendler und Schüler wieder die Grenze überqueren dürfen. Aber das reicht nicht!", erklärten Michael Kurzwelly auf deutsch und Tomasz Stefanski, der frühere Kulturmanager aus dem Słubicer Smok, auf polnisch am Sonnabend bei einer von słubfurt und Unsere Miasto e.V. veranstalteten Kundgebung am Frankfurter Brückenkopf. Das Motto, passend zum Europatag: Mehr Europa wagen! Grenzen auf! Und zwar für alle.

Weniger Demonstranten in Frankfurt als am 24. April

Angesichts der Lockerungen der Corona-Restriktionen in Polen wie in Deutschland werde auf verantwortungsvolles Handeln der Menschen gesetzt. "Warum sollte das an der Grenze aufhören?", fragten Stefanski und Kurzwelly am Mikrofon. Sie forderten ein gemeinsames Vorgehen gegen die Krise und einheitliche Standards in den Bereichen Gesundheit und Soziales in Europa.
Gekommen waren merklich weniger Menschen als noch vor zwei Wochen, 40 bis 50 – gerade soviele wie erlaubt. Auf Słubicer Seite, wo immer noch Versammlungsverbot gilt, hatte sich anders als am 24. April kein Auflauf von "Spaziergängern" gebildet. Sind die Bedürfnisse der Doppelstadt mit dem vor einer Woche eingeführten kleinen Grenzverkehr für Berufspendler gedeckt?
Doppelstadt demonstriert für weitere Öffnung der Grenzen

Bildergalerie Doppelstadt demonstriert für weitere Öffnung der Grenzen

Nicht für die Mediziner, von denen vergleichsweise viele gekommen sind und die die besorgtesten Mienen haben. Marcin Sasik, Arzt in einer allgemeinmedizinischen Praxis in Frankfurt, kann nicht nach Hause nach Słubice, weil er dann für 14 Tage in häusliche Quarantäne müsste. "Meine Kinder können jetzt wieder nach Frankfurt in die Schule und zurück. Und ich?" Neben ihm stehen Beata Dębska und Martina Nowak, Krankenschwestern bei einem ambulanten Pflegedienst in Frankfurt, ihr Zuhause ist in Słubice. Seit Ostern leben sie im Hotel in Frankfurt.
"Warum dürfen Ärzte und Krankenpfleger in Polen ohne Quarantäne nach Hause und wir nicht? Das ergibt keinen Sinn", sagt Beata Dębska. Die drei fühlen sich diskriminiert und haben sich einem an die polnische Regierung gerichteten Appell von Beschäftigten in medizinischen Berufen aus der Grenzregion angeschlossen, in dem sie die Befreiung von der Quarantänepflicht fordern. Polens Bürgerrechte-Beauftragter Adam Bodnar hat den Hilferuf der Ärzte und Pfleger erhört und die momentane Regelung als Stigmatisierung einer Berufsgruppe kritisiert. Ein Vater erzählt am Mikrofon, dass er seit dem 26. März auf dieser Seite der Grenze sei und in Słubice seinen Sohn zurücklassen musste. Der werde bald sieben Monate alt.
Aber auch fernab von Arbeit und Familie zieht es Leute auf die andere Seite. Horst-Uwe Killa aus Rosengarten fehlt sein Słubicer Bandkollege Marcin, der Saxophonist. "Wir können nicht zusammen proben", sagt er. Außerdem hat Killa eine sehr alte Uhr zur Reparatur nach Słubice gebracht. Die könne er jetzt nicht abholen. Die zehnjährige Karolina, die sich in eine EU-Fahne gewickelt hat, vermisst ihre Słubicer Freundin Janina. "Meine Kinder kannten die Grenze bis jetzt gar nicht", sagt ihre Mutter Anja Gumprecht. Tomasz Rajewicz erzählt von seiner zweisprachig aufwachsenden Tochter, die gerade Harry Potter auf polnisch lese und endlich den nächsten Teil haben wolle. In Frankfurt an polnische Bücher zu kommen ist schwer. Man muss in die Bibliothek oder den Buchladen nach Polen. Denn polnische Online-Buchhändler liefern fast nie ins Ausland.

EU: Schrittweise Aufhebung

Im Moment gelten die Einreisebeschränkungen nach Polen bis 13. Mai. Auch wer als Pole nach Deutschland will, braucht übrigens einen wichtigen Grund zur Einreise und müsste – wer kein Pendler ist – in Quarantäne. Doch gibt es in Richtung Deutschland kaum Grenzkontrollen. Auch wenn die EU-Kommission am Freitag zur schrittweisen Aufhebung der EU-Binnengrenzkontrollen aufrief – bislang deutet wenig daraufhin, dass die polnische Regierung ab Donnerstag die Grenzen an Oder und Neiße wieder für alle öffnet. Der kleine Grenzverkehr bietet zumindest etwas mehr Bewegungsspielraum. Michael Kurzwelly war schon in Słubice – für eine Arbeitsbesprechung.