Hausärzte und Pflegedienste in Frankfurt (Oder) fordern in einem offenen Brief von Oberbürgermeister René Wilke, „sich dafür einzusetzen, dass es zu einer sofortigen Schließung der Schulen und Kitas und zu einem Lockdown in der Stadt kommt“. Verfasst hat den dramatischen Appell Dr. med Anke von Klitzing, niedergelassene Ärztin für Allgemein- und Palliativmedizin, 22 Praxen haben den Brief unterzeichnet.

Infektionswege nicht mehr nachvollziehbar

„Mit großer Sorge beobachte und begleite ich die Pandemieentwicklung von Covid-19 in Frankfurt (Oder). Die nachgewiesenen Infektionszahlen steigen dramatisch. Die Dunkelziffer wird entsprechend hoch sein“, schreibt sie. Die Infektionswege seien nicht mehr nachvollziehbar und eine Eindämmung kaum noch möglich. „Ich behandle zunehmend mehr Patienten mit symptomatischen Covid-19-Infektionen. In allen Altersklassen zeigen sich schwere Erschöpfungssyndrome, Bronchitiden und Pneumonien. Es kommt zu einer deutlichen Zunahme von Krankenhauseinweisungen.“ Auch in Oder-Spree sei ein dramatischer Anstieg der Infektions- und auch Todesraten zu erkennen.
Anke von Klitzing warnt: „Bis jetzt hatten wir hier in der Stadt aufgrund massiver Vorsicht und starkem Bemühen in der Pflege, den Arztpraxen und dem Gesundheitsamt Glück. Aber wenn die Zahlen jetzt noch weiter steigen, stehen wir vor einer Katastrophe.“

„Alles schließen, Abstands- und Maskenregeln einhalten“

Besonders in der Pflege arbeiteten schon jetzt alle am Limit. Dennoch könnten die Bemühungen nicht ausreichen und müsse spätestens zu Silvester mit einer sehr hohen Zahl an Infektionen gerechnet werden – wenn nicht sofort gegengesteuert werde. „Wenn wir jetzt alles schließen, gemeinsam uns zurücknehmen, Abstands- und Maskenregeln einhalten, dann haben wir vielleicht weiter ein bisschen Glück und Hoffnung“.
Am Freitag meldete Frankfurt 21 Neuinfektionen, darunter neun bei Bewohnern im Marthaheim. Auch das Klinikum informierte über Kapazitätsengpässe. Zwei Covid-Stationen sind voll belegt.

Oberbürgermeister René Wilke unterstützt Appell

„Die Situation ist nicht mehr vergleichbar mit dem Frühjahr“, sagt auch Oberbürgermeister René Wilke. „Wir steuern auf eine dramatische Entwicklung zu.“ Die Stadtverwaltung habe mit der seit Donnerstag geltenden, neuen Allgemeinverfügung das Machbare und Mögliche getan, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Doch auch er würde einen härteren Lockdown befürworten. „Ich schließe mich der Forderung von mehreren Landräten in Brandenburg an, die Schulen in der letzten Woche vor den Ferien dicht zu machen.“ Er selbst oder die Stadtverwaltung könnten dies nicht anordnen, die Landesregierung müsse handeln.
Zugleich zeigte er Verständnis für den Frust vieler Frankfurter. „Ich kann sehr gut verstehen, dass die Einschränkungen jedem einzelnen viel abverlangen. Aber es geht in dieser Situation darum, Menschenleben zu retten“, so René Wilke.
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf unserer Themenseite.