"Und was ist mit wichtigen Dokumenten? Ich will schließlich keine Zigaretten schmuggeln." Agnieszka Zdziabek-Bollmann kann es nicht fassen. Ihre Agentur für deutsch-polnische Kommunikation und Management ist auf beiden Seiten der Oder ansässig. Bei ihr laufen gerade die Drähte heiß. Alle paar Minuten rufen Klienten an, die ihr grenzübergreifendes Leben unter den Bedingungen des Corona-Regimes in den Griff kriegen müssen.  Um ihre Probleme zu lösen, muss Agnieszka Zdziabek-Bollmann schnell die Papiere auf die andere Seite der Oder schaffen, denn der Postweg dauert bis zu zwei Wochen.
Ihre Kollegin aus dem Küstriner Büro ist extra nach Słubice gekommen, um sie entgegenzunehmen und den Klienten zuzustellen. Im Gepäck hat sie: die Versichertenkarte einer Hochschwangeren, die in Słubice lebt und in Frankfurt arbeitet. Mit der Karte hat Zdziabek-Bollmann bei deren Frankfurter Arzt gerade einen Schein über ein Arbeitsverbot für die Kundin besorgt. Wäre die Frau selbst zum Arzt gegangen, hätte sie bei der Rückkehr nach Hause für 14 Tage in Quarantäne gemusst – und alle Haushaltsmitglieder mit ihr. Wer sollte sie dann bei plötzlichem Einsetzen der Wehen ins Markendorfer Klinikum fahren, wo sie entbinden will? Außerdem in Zdziabek-Bollmanns Mappe: Anträge auf Kinder- und Krankengeld von in Deutschland beschäftigten Arbeitnehmern. Um sie bei den Ämtern in Frankfurt einzureichen, braucht die Managerin eine Unterschrift.
In einem Beutel mit dem Logo der Doppelstadt läuft Zdziabek-Bollmann zum Słubicer Ende der leeren Stadtbrücke und trägt ihr Anliegen vor, hinter der Absperrung wartet die Kollegin. Die Grenzer lassen die Übergabe nicht zu. "Dies ist eine Staatsgrenze", sagt einer streng. Es gelte ein Kontaktverbot. Nur einer Person, die nach Polen einreist, dürfe man Dinge mitgeben. Durch die heruntergelassene Scheibe fragt Agnieszka Zdziabek-Bollmann den Fahrer eines Autos mit PL-Kennzeichen, das gerade an der Kontrolle vorfährt. Er würde die Mappe mitnehmen. "Aber ist das erlaubt?", fragt er irritiert. Die Grenzpolizisten lösen die Situation nicht auf. "Klar, jetzt hat jeder Angst, was falsch zu machen", ärgert sich Zdziabek-Bollmann. Ihre Kollegin und sie rufen sich zu: Den Beutel einfach von der Brücke auf die Deichwiese runterwerfen? Die zwei Grenzer postieren sich mit strengem Blick. "Das Verbot ist ernst gemeint", verlautbaren sie durch ihre Masken. "Bisher haben wir ein Auge zugedrückt, aber das geht einfach nicht mehr", sagt der eine, nun schon mit Bedauern. Die Rechtsgrundlage? Die Grenze sei eben wieder hergestellt, sagt er. "Könnten sie nicht eine Schleuse einrichten? Einen Tisch, über den Dokumente gereicht werden können", fragt Agnieszka Zdziabek-Bollmann. "Schreiben Sie eine Petition an die Grenzpolizei in Krosno", antwortet der Grenzer.

Brücke kein Ort der Begegnung

"Absolut unmöglich", erwidert Joanna Konieczniak, Pressesprecherin der Grenzpolizei Krosno, am Telefon. Die Brücke sei jetzt kein Ort der Begegnung und – egal welcher – Übergaben. Aus Sicherheitsgründen. Die Leute hätten es zuvor zu weit getrieben. Es sei auch nicht mehr gestattet, sich zwischen Flussmitte, wo die genaue Grenze verläuft, und dem Kontrollpunkt aufzuhalten, ohne einreisen zu wollen. "Arrangieren Sie sich damit", bittet Konieczniak. Man könne Berufs- und Kurierfahrern etwas mitgeben. Oder polnischen Taxifahrern. Bei Vorlage einer Registrierung könnten diese ohne Quarantänepflicht nach Słubice zurückkehren.
Agnieszka Zdziabek-Bollmann ist gut genug vernetzt, um zurück im Büro in der Fischerstraße noch einen Ausweg zu finden. Weil Donnerstag ist. Ein Bekannter, Berufsfahrer, fährt immer freitags über Frankfurt heim nach Słubice. Der nimmt die Mappe nun kostenlos mit. Schließlich berechnet sie ihren Klienten keine Kurierkosten.