Dabei wollte er gar nicht nach Deutschland kommen. "Mir blieb keine andere Möglichkeit", sagt er rückblickend. Jonatan Kurzwelly ist Doktor der Anthropologie und ein wahrer Globetrotter. Derzeit hat er eine Stelle an der University of the Free State in Bloemfontein in Südafrika, arbeitete jedoch ein halbes Jahr lang an einer Universität in Barcelona. Von dort aus startete er Anfang März für eine Woche zu einem wissenschaftlichen Austausch nach Tyumien in Sibirien.
Kurz vor Ende des Aufenthalts merkte er zum ersten Mal ein Kratzen im Hals und bekam Husten. Die dortigen Verantwortlichen des Austausches gaben ihm eine Atemschutzmaske, nachdem er die Symptome geschildert hatte. "So richtig ernst genommen haben sie das nicht", sagt der Wissenschaftler. Schon in Tyumien stellte er fest, dass es keine Flüge mehr nach Spanien gibt. Er flog nach Moskau, um von dort nach Südafrika weiter zu reisen. Doch auch sämtliche Flüge nach Südafrika waren in der Zwischenzeit gestrichen worden. Wohin also nun, fragt er sich.
Glücklicherweise konnte er seine Tickets für Südafrika auf Deutschland umbuchen. In Frankfurt (Oder) lebt sein Vater. Poznan ist sein Zuhause. Das Problem in Deutschland und in Polen ist, dass er mit seiner südafrikanischen Krankenversicherung hier nicht versichert ist. Trotzdem war es der einzige Ausweg, aus Russland wegzukommen.
Aufgrund der nun schon fortschreitenden Krankheitssymptome besorgte sein Vater – der Frankfurter Aktionskünstler Michael Kurzwelly – seinem Sohn kurzerhand eine derzeit leer stehende Wohnung. Als Jonatan in Frankfurt ankam, war alles vorbereitet. Er konnte direkt einziehen, ohne noch einmal mit jemandem in Kontakt treten zu müssen. Auch den Arztbesuch hatte sein Vater bereits organisiert.
"Die erste Frage beim Arzt, ist die nach der Krankenversicherung", erzählt der 30-Jährige. Ohne die Hilfe seines Vaters hätte er kaum einen Termin mangels Versicherungsschutz bekommen. Die Überweisung in die Covid-19 Spezialsprechstunde kostete ihn 20 Euro – der Corona-Test stolze 152,16 Euro. "Da frage ich mich schon, ob diejenigen Deutschen oder Ausländer, die derzeit keine Krankenversicherung haben, überhaupt so einen Test machen lassen würden", findet er.
Sein Gehalt in Südafrika sei für dortige Verhältnisse zwar gut, erklärt er, in Deutschland jedoch nicht ganz so viel wert. Durch die Talfahrt an den Finanzmärkten gab es zusätzlich Turbulenzen bei den Wechselkursen, so dass der südafrikanischen Rand in den vergangenen Wochen auch noch ein Viertel seines Wert verloren hat. Für ihn war der Test also eine teure Gewissheit.
Nach dem Arztbesuch begab sich Jonatan Kurzwelly sofort wieder in Quarantäne. Die Positivnachricht wurde ihm per Telefon überbracht. Sein Vater versorgte den Erkrankten. In einem Eimer an einem Seil zog er die Lebensmittel über das Fenster in die Wohnung. "An Tag 8 und 9 der Krankheit war es schon heftig", berichtet er. Fieber und Husten quälten ihn. "So krank habe ich mich lange nicht gefühlt, das ist keine normale Grippe."
Mit Paracetamol bekämpfte er das Fieber, ein Medikament gibt es nicht. Wie und wo er sich angesteckt haben könnte? Das lasse sich nicht mehr zurückverfolgen. "Ich hatte mit zu vielen Menschen Kontakt", sagt er.
Häusliche Isolation aufgehoben
Auch nach zwei Wochen fühle er sich noch schlapp, aber deutlich besser. Das Fieber ist weg. Das Gesundheitsamt hat die häusliche Isolation aufgehoben und erlaubt, dass er wieder rausgehen darf. Gerade hat Jonatan Kurzwelly Blut gespendet, das nun wissenschaftlich untersucht wird. Schließlich sei er jetzt immun gegen das Coronavirus. "Wenigstens das", lacht er.
Vorerst allerdings muss er in Deutschland bleiben. "Wenn ich nach Polen fahre, müsste ich wieder 14 Tage in Quarantäne, obwohl ich die Krankheit ja schon hatte", erklärt er. Jetzt möchte er die Zeit nutzen und bedürftigen Menschen in Frankfurt helfen, etwa beim Einkaufen. "Mir kann nichts mehr passieren und ich kann keine Viren mehr verteilen".
Seinen Humor hat er trotz Corona nicht verloren. Er meint: "Ein Café das jetzt geöffnet hat, nur für diejenigen, die immun sind – das wäre toll."