Eine Geschichte ist Dr. Krzysztof Wojciechowski, dem Vorsitzenden des Vereins "My Life - Erzählte Zeitgeschichte", besonders gut in Erinnerung geblieben. Ein junger Pole aus Schlesien schlüpft während der Besatzung Polens durch die Nationalsozialisten aus Trotz zum dominanten Vater in eine Uniform der Hitlerjugend. Auf einer Kundgebung des Reichsjugendführers Baldur von Schirach wurde er als arischer Musterknaben aus dem Publikum ausgewählt. Die Familie galt fortan als regimetreu, beschützte aber im Geheimen viele Juden vor der Verfolgung und wurde nach dem Krieg in Israel dafür ausgezeichnet.
Wojciechowski erinnert sich gerne an diese Geschichte, weil sie "quer durch alle Stereotypen und Trennlinien zwischen Gut und Böse verläuft." Nach vielen gelesenen Biografien steht für ihn fest: "Der Mensch ist ein Blättchen auf den Wellen eines Ozeans. Es ist ein purer Zufall auf welcher Seite man steht."
Seit nunmehr fast einer Dekade bewahren Dr. Krzysztof Wojciechowski und Helga Grune, die stellvertretende Vorsitzende, zusammen mit zwölf weiteren ehrenamtlichen Mitarbeitern, solche Lebensgeschichten vor dem Vergessen. Das eigene Archiv, welches sich im Collegium Polonicum in Slubice befindet, umfasst mittlerweile 330 gedruckte Lebensläufe. Ein Exemplar erhält die interviewte Person, das andere erhält der Verein und sein Archiv, das als Forschungsquelle für Wissenschaftler, Studenten, Journalisten, aber auch interessierte Bürger fungiert.
"Man wird geboren, man quält sich durch das Leben und dann stehen auf dem Friedhof nur der Name und Vorname und zwei Zahlen. Soll das alles von einem Menschen gewesen sein?" Diese existenzielle Frage bildete nach Wojciechowski die Initialzündung zur Gründung des Vereins. Viele Menschen mussten jedoch erst davon überzeugt werden, dass ihre Lebensgeschichte wert sei, erzählt zu werden.
In aller Regel treten die Personen, die ihr eigenes Leben festhalten möchten, an den Verein heran. Nach einem Einführungsgespräch geht es los. "Wir lassen die Menschen einfach erzählen und nehmen alles auf", sagt Helga Grune, die aktivste Biografieschreiberin im Verein. Danach folgt die Niederschrift. Nach etwa zwei Wochen fügen sich die vielen Erfahrungen zu einem Gesamtbild in einem gebunden Album zusammen.
Die Initiative verstand sich von Anfang an nicht nur als Grabungsstätte für historisches Material, sondern auch als Brücke zwischen den Generationen und Nationen. Die ältere Generation könne davon erzählen, dass Frieden, Toleranz und Wohlstand nicht selbstverständlich seien, betonen Wojciechowski und Grune. Außerdem versetzen Biografien Menschen in die Lage anderer Menschen und tragen damit zum besseren Verständnis anderer Lebenskulturen bei.
Für Wojciechowski und Grune gibt es nach nahezu zehn Jahren des Zuhörens und Aufschreibens erkennbare Unterschiede in der polnischen und deutschen Erzählkultur. Ein Standardbeginn bei einer deutschen Biografie lautet etwa: "Wir waren als Kinder sehr gut versorgt, wurden aber sehr streng erzogen", sagt Wojciechowski. Im Gegensatz dazu beginne eine polnische Lebensgeschichte oftmals mit dem Vermerk, dass die Kinder unter ärmlichen Bedingungen, jedoch gleichzeitig in einem Haus voller Liebe aufwuchsen.
Neben diesen Unterschieden gibt es jedoch auch Gemeinsamkeiten, die letztlich überwiegen. "Jede Erzählkultur stützt sich auf universelle Motive wie Neugierde und Empathie", so Wojciechowski und ergänzt: "Diese Motive sind stärker als alle kulturellen Unterschiede." Um weitere Biografien erstellen zu können, sucht der Verein neue Mitglieder.