Herbst 1984. Die achtjährige Alena Karaschinski gehört zu den knapp 15 zierlichen Turnerinnen, die mit Beginn der dritten Klasse den Sprung in die Frankfurter Kinder- und Jugendsportschule (KJS) geschafft haben. "Für die Sportarten Turnen und Eiskunstlauf wurde in der DDR schon in den Kindergärten gesichtet", berichtet die diplomierte Kulturwissenschaftlerin vom Jahrgang 1976. Sie sei in der Kita einem TZ-Trainer aufgefallen. TZ - Kürzel fürs Trainingszentrum. Die Klassen 1 und 2 habe sie noch in der 17. POS Georgi Dimitroff in Neuberesinchen besucht und viermal in der Woche nachmittags im TZ trainiert. "Dann kamen wir an die Sportschule. - Ob ich das selbst wollte? Schwer zu sagen. Ich war ein eher stilles Mädchen, das brav machte, was man ihm sagte. Und mit acht Jahren ist es schwer, eigene Wünsche schon zu erkennen. Vor allem, wenn das Umfeld es toll findet, dass man auf die KJS darf."
60 Jahre Sportschule, erzählt die dreifache Mutter, seien ihr Anlass, auch von den Schattenseiten im DDR-Nachwuchsleistungssport zu reden. "Der Ton und die Methoden waren sehr rau. Überhaupt: Aus heutiger Sicht finde ich manches fragwürdig." Die ersten Mädchen verließen die Sportschule schon nach drei Wochen. Das Trainingspensum war ihnen zu hart.
Am ersten Schultag, erinnert sich Alena Karaschinski, "wurden wir mit der Ankündigung 10-Kilometer-Lauf begrüßt, was ein kollektives Schluchzen zur Folge hatte." Dann wurden alle Turnerinnen gefragt, ob man denn auch, wie verlangt, in den Ferien freiwillig trainiert habe. Dann der Kommentar: "Ihr seid fett geworden, was! Na, das werden wir Euch schon wieder austreiben..."
Die kleinen Turnerinnen wurden jede Woche gewogen. Alena weiß es auch heute noch: Mehr als 23,5 Kilo durfte sie nicht auf die Waage bringen. Wer sein Gewicht überschritt, musste beim Lauftraining zwei Trainingsanzüge und/oder zwei Schwitzjacken tragen. "Ich frage mich heute, welchen Sinn dieses Wiegen hatte - wir waren doch nur Haut und Muskeln! Es gab für ,Übergewichtige' keine Hilfestellung. Nur die Ermahnung, nicht viel Süßes zu essen. Und eben diese Strafen. Ein Mädchen wurde mal in kompletter Montur für eine Stunde in der Schaumgummigrube vergraben - sie sollte schwitzen. Das war so sinnlos und nur Schikane..."
Noch bis zu ihrem 30. Lebensjahr dachte Alena, sie wäre zu dick. Sie kennt andere ehemalige Turnerinnen, die lange mit Essstörungen aus der KJS-Zeit zu kämpfen hatten. Heute sagt sie von sich: "Ich bin sensibel für die Frage, welche lang wirkenden Glaubenssätze die Erwachsenen Kindern mit ihrer Haltung, mit ihren Worten und mit ihren Taten mitgeben."
In der Sportschule wurden die Mädchen in vier Leistungsgruppen unterteilt, die wöchentlich neu gebildet wurden. Alena Karaschinski erzählt, dass niemanden der Mädchen klar war, warum wer die Gruppe wechselte oder in ihr blieb. "Ich steckte nur in den Gruppen 3 oder 4, musste deprimierende Gefühle aushalten und spürte, dass ich den Verantwortlichen egal war. Auch wenn ich mich noch so sehr quälte. Uns haben die Trainer immer als faul bezeichneten."
Den Kleinen war schon klar, dass die meisten von ihnen früher oder später von der KJS "abgehen" würden. "Wir sahen ja, dass in den oberen Klassen nur noch zwei Mädels trainierten."
Ihre Trainer, der Umgang mit den Kindern und die Trainingsmethoden empfindet die junge Frau heute "wenig pädagogisch und kaum motivierend". Sie weiß jetzt aber, dass all das und die Härte der Trainer in der DDR als "richtiger" Umgang mit Leistungssportlern angesehen wurde.
Alena Karaschinski erzählt auch von vielen seelischen und moralischen Grenzüberschreitungen. Noch heute kann sie das Spottlied wiederholen, dass der TZ-Trainer für sie gedichtet hatte, "weil ich beim Hüftaufschwung am Stufenbarren einknickte." Sie spricht auch von Grausamkeiten, Demütigungen und Willkür in der KJS-Zeit: "War dem Trainer die Umkleidekabine nicht ordentlich genug, wurden die Schränke abgeräumt. Wie bei der NVA. Wir waren aber kleine Mädchen, zehn Jahre alt, und mussten nach Trainingsende unsere Sachen aus dem Haufen fischen."
In der KJS habe sie ein Stück ihrer Kindheit verloren. "Vom Montag bis Freitag das gleiche Prozedere: 6.10 Uhr verließ ich das Haus. Von Sieben bis Neun Training. Frühstück. Dann Schule, Mittag. Danach Unterricht. Von 15 bis 18 Uhr Training." Sonnabends endeten Schule und Training am Mittag. Manchmal wurde auch sonntags trainiert. Oder es waren Wettkämpfe.
Ende 1985 protestierte Alenas zarter Körper. Da war sie Zehn. "Ich bekam einen bellenden Husten, hatte angeblich eine Hallenstaub-Allergie." Alena wurde mit der Begründung "Leistungsgrenze in Sicht" aussortiert und kam in der 5. Klasse zurück in ihre alte Schule: "Der Husten war später von einem Tag auf den anderen verschwunden. Er hat mich da 'rausgeholt. Das war von meinem Körper grandios!"
Nach der schweren Zeit in der Kinder- und Jugendsportschule entdeckte Alena das Lesen für sich. Die Kinderbücher des russischen Schriftstellers Alexander Wolkow verschlang sie zuerst.
Jetzt hatte sie ihre Kindheit wieder.