Selten war das Eisenbahntheater Das Letzte Kleinod mit seinem Programm aktueller als diesmal: Eben erst war der Bahnhof Frankfurt (Oder) der Ort, an dem täglich Hunderte, ja Tausende ukrainische Kriegsflüchtlinge deutschen Boden erreichten, da erinnern die Schauspieler an ein anderes Kapitel Frankfurter Bahnhofsgeschichte: Vor 150 Jahren wurde die Eisenbahnverbindung zwischen Frankfurt (Oder), Berlin und den Nordseehäfen eingeweiht.
Auf der sogenannten Amerikalinie waren Hunderttausende deutsche Auswanderer unterwegs, um von Bremerhaven und Hamburg aus per Schiff in die Neue Welt zu gelangen.

Eine begehbare Inszenierung in Bahnwaggons

Die Crew des Eisenbahntheaters hatte Zeitzeugen gesucht, in deren Familien es zwischen dem Ersten Weltkrieg und den 50er Jahren Auswanderer gab. Der Hinweis eines Frankfurter Hobby-Historikers habe leider nicht zum Erfolg geführt, sagt Juliane Lenssen, die Sprecherin des Eisenbahntheaters im Pressegespräch mit ihren Projektpartnern vom Frankfurter Kleist Forum. Die sieben Auswanderer, deren Geschichten es im Stück „Amerikalinie“ zu erfahren gibt, stammen aus anderen Gegenden Deutschlands. Und aus der Ukraine!
Der alte, ozeanblaue Theaterzug wird, wenn er Ende August auf dem (Abstell-)Gleis 197 E oberhalb der Karl-Liebknecht-Straße ankommt, an seine elf Waggons noch sieben weitere, angemietete, angekoppelt haben. In ihnen findet die „begehbare Inszenierung“ statt.
Denn anders als bisher wird diesmal auf dem Areal am Gleis keine Tribüne für die Zuschauer aufgebaut. Diese werden, in Gruppen aufgeteilt, von Szene zu Szene durch die Bahnwaggons gehen, kündigt Juliane Lenssen an. Sie macht in dem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass die Produktion nicht barrierefrei ist – die Zuschauer müssen in die Waggons steigen. Dort gibt es Sitzplätze, von denen aus man das jeweils rund achtminütige Spiel auf den sieben Mini-Bühnen verfolgen kann.

Musik und ein Opernsänger im Ensemble

Der Zugang zum Veranstaltungsgelände ist inzwischen nicht nur barrierefrei, sondern regelrecht komfortabel: Die Bahn hat das Areal im Dreieck zwischen Fürstenwalder, Karl-Liebknecht- und August-Bebel-Straße ausbauen lassen.
Die Zuschauer werden zu den Vorstellungen vom 24. bis 27. August übrigens kein reines Sprechtheater erleben. Es gibt auch Musik und Gesang, kündigt Juliane Lenssen an. Sie verweist auf Roland Klappstein, einen der Mitwirkenden im 20-köpfigen Ensemble. Er ist ausgebildeter Opernsänger.

Sangesfreudige Frankfurter sind als Mitwirkende gesucht

In den Gesang von zwei „einfachen Liedern“ würde das Eisenbahntheater im Übrigen „gern sangesfreudige Frankfurter einbinden“, wie die Sprecherin des Theaters sagt. Interessierte melden sich bitte ab sofort per E-Mail bei der MuV (presse@muv-ffo.de) oder beim Theater direkt (Tel. 01775998610).
Premiere hat die Produktion am Montag (15.8.) im thüringischen Stützerbach. Von dort war ein armer Glasbläser als blinder Passagier an Bord gegangen – und in Amerika reich und berühmt geworden, berichtet Juliane Lenssen.
Im Cockpit: Schaupielerin Daria Gabriel in der Werkstatt des Theaterzuges.
Im Cockpit: Schaupielerin Daria Gabriel in der Werkstatt des Theaterzuges.
© Foto: Jens-Erwin Siemssen
„Heute erinnert sich kaum noch einer daran, dass es einst Deutsche waren, die sich aufmachten, neue Perspektiven zu suchen. Und Frankfurt war damals ein Zentrum der Auswandererbewegung“, sagt Florian Vogel, der künstlerische Leiter des Kleist Forum. Er freut sich auf das Wiedersehen mit den Freunden und Kooperationspartnern aus dem Eisenbahntheater.
Tickets für 23, 18 und 6 Euro (für Kinder) gibt es unter www.kleistforum.de und an der Abendkasse.